Zeit der Hoffnung

7. Juni 2009, 14:23
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Österreichs Nationalteam gab wieder einmal ein Versprechen ab. Gesamteindruck nach dem 0:1 in Belgrad: erfreulich. Nun wäre Kontinuität schön

Wien - "Schwache Partie". Diese Einordnung des Geschehens in Belgrad aus der Zusammenfassung der deutschen Television war von klassisch germanischer Harschheit. Allein - sie traf nicht zu. Zumindest, wenn der Betrachter eine österreichische Brille auf und die Gewissheit im pumpernden Herz hatte, dass das Nationalteam seit 13 Jahren kein nennenswertes Auswärtsmatch mehr gewinnen konnte. Schon aus Selbstschutz schien es angebracht, die Erwartungshaltung vor dem Auftritt von Dietmar Constantinis Jünglingen (gemittelt gerade einmal 24 Jahre zählend) im Marakana eher nicht so hoch anzusetzen.

Doch selbiges als Hexenkessel tituliertes Rund des Roten Stern wurde von den Österreichern im Verlauf des Samstagabend relativ schnell auf Normaltemperatur heruntergekühlt. Der experimentierfreudige Teamchef, schon allein aufgrund einer Reihe von Ausfällen zur Umstellung gezwungen, setzte auf eine wieder einmal völlig neuformierte Elf. In der Abwehr debütierte in der Innenverteidigung Austria Wiens Aleksandar Dragovic. Er kennt das Belgrader Stadion von Fanreisen und trat auch so auf. Wie ein Auskenner nämlich. Übersicht paarte sich mit Konstruktivität im Spielaufbau. Eine fast unheimliche Ruhe ging von dem - wenn notwendig auch seine Robustheit in Anwendung bringenden - 18-Jährigen aus. In Summe: einer der besten Erstauftritte auf internationaler Ebene seit Menschengedenken.

Generell funktionierte die Viererkette der Österreicher überraschend gut, Martin Stranzl ließ seinen fulminanten Rasierer vor dem Gegentor mit Fordauer des Geschehens fast vergessen. Manuel Ortlechner steigerte sich gegenüber seiner Vorstellung gegen Rumänien, hinterließ aber doch manchmal einen Eindruck von Limitiertheit. Bliebe noch Franz Schiemer, der an der Außenbahn sein Auslangen finden musste. Rangelte - wie immer unermüdlich und kompromisslos kämpfend - nicht ohne Erfolg mit seinen flinken Opposition (Jovanovic) und brachte auch offensiv etwas zustande. Aber der Einwurf. Unentschuldbar, ohne Not zum eigenen Keeper zu schupfen. Ein ehernes Gesetz, dessen Kenntnis noch den dümmsten Nachwuchscoach auszeichnet, war gebrochen.

Die Strafe folgte auf dem Fuße. Nämlich jenem rechten Pratzerl, mit dem Michael Gspurning den Ball hernach nicht traf. Leider ebenfalls unverzeihlich, denn übermäßiger Zeitdruck war nicht gegeben. Dass der Keeper den Serben Lazovic mittels Hechtsprung zu Fall brachte, obwohl ein bloßes Abdecken des kurzen Ecks vermutlich völlig ausreichend gewesen wäre, ist eine vergleichsweise lässliche Sünde. Solches Verhalten sitzt offenbar tief in der Torwart-DNA. Abschlag-Ansätze Gspurnings versorgten jedenfalls ab diesem Zeitpunkt den Rest des Abends mit einem kräftigen Schuss Gruseln.

Nach dem Rückstand erfolgten erfreulicher Weise weder Zerfall noch Panik. Die im Gegensatz zu den Gastgebern ziemlich druckfrei angetretenen Österreicher - eine Qualifikation für Südafrika ist ja praktisch perdü - waren im Vergleich zu Brückners Zeit deutlich aktiver orientiert und störten die verhalten wirkenden Serben mit sehr ambitioniertem Pressing immer effektiver. Kombinationsversuche hatten die deutliche Überhand gegenüber langen Fetzern. Technisch fiel man gegen die Serben kaum ab, physisch erwies man sich gar als überlegen. Im Mittelfeld fand sich mit Jakob Jantscher der zweite und ebenfalls sehr lobenswerte Neuling. Er überstrahlte linkerhand seinen etwas erfahreneren Sturm-Partner Andreas Hölzl. Was jedoch nicht gegen den Mann auf der rechten Seite verwendet werden darf. Captain Paul Scharner zeigte sein bestes Länderspiel. Immer unterwegs und anspielbar, physisch war die Schule der Premier League nicht zu übersehen. Für ein idealtypisch britisches Tackling an Stankovic setzte es skandalöser Weise eine Verwarnung. Allemal auf Augenhöhe: Yasin Pehlivan. Der im Frühjahr wie aus dem Nichts aufgetauchte Rapidler gedieh in Belgrad prächtig. Obwohl stets auf zügige Ballweiterleitung bedacht, war die Präzision, mit der seine Passes ihren Mann fanden, verblüffend. Geil, beinahe. Die Hütteldorfer könnten jedenfalls in die Verlegenheit kommen, dass ihnen Pehlivan noch vor Erwin Hoffer weggekauft wird. 

Die bemerkenswerteste Leistung des Kleinen war vermutlich, dass er Nemanja Vidic derart robust anbohrte, dass der Mann von ManUnited in der zweiten Halbzeit angeschlagen nicht mehr aus der Kabine zurückkehrte. Stefan Maierhofer offenbarte in der ersten Minute ein zu heißes Herz und verbesserungswürdige Schusstechnik. Eher ins offensive Mittelfeld als an vorderste Front abkommandiert, arbeitete er brav. Ein paar mehr gewonnene Kopfbälle wären, wie der gelegentliche Blick für den Nebenmann, aber schon allein angesichts der figürlichen Voraussetzungen nicht unmöglich. Marc Janko musste lange auf seinen Einsatz warten. (Und war angesichts dessen nicht bester Laune:  "Ich habe es nicht verstanden. So schlecht ist meine Saison ja nicht gewesen.") Gemeinsam mit Rubin Okotie eingebracht, kam der Salzburger einem Treffer am nächsten. Der Weitschuss des eigentlichen Strafraumstürmers landete am Aluminium. Okotie zeigte sich - nicht ganz unerwartbar - selbstbewusst und verwickelte die serbischen Verteidiger wiederholt in Dribblings. Die Schlenkereien erwiesen sich das ein oder andere Mal mehr als nur mutig, das Verlangen nach leicht zügigerem Abspiel ließ sich in bestimmten Situationen trotzdem nicht ganz verleugnen. Von Stefan Lexa kamen ab Minute 65 einfallsreiche Pass(ansätze) und ein Torschuss. Dass es Augenblicke gab, in denen es schien, als hätte der Rieder mit dem Tempo der Partie gewisse Schwierigkeiten, war hoffentlich bloß Täuschung.

Die serbischen Press resümierte hörbar aufatmend: "Wir haben Österreich überlebt. Serbien gelingt nach einem nicht so dramatisch erwarteten Spiel ein großer Schritt Richtung WM. Die Gäste können am Schluss nur traurig sein, dass sie nicht zumindest einen Punkt gemacht haben, den sie nach dem gebotenen Spiel absolut verdient hätten."  (Michael Robausch - derStandard.at 7.6. 2009) 

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    Dietmar Constantini ("Wenn wir eine Klassemannschaft wären, dann hätten wir dieses Spiel nicht verloren") konnte sich über die Gratulation des Kollegen Radomir Antic nur eingeschränkt freuen.

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