Kunst, Geldverlust und andere Letztbegründungen

4. Juni 2009, 17:07
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"Krisen"-Diskussion im Berliner Gropius-Bau

Berlin - Die Bild-Zeitung bringt in diesen Wochen Kunst unter das Volk. Zu der Ausstellung 60 Jahre - 60 Werke, mit der im Berliner Gropiusbau des runden Geburtstags der BRD gedacht wird, bringt das Blatt seiner Leserschaft täglich ein Werk nahe - ein Gemälde von Albert Oehlen oder die vier Plattenspieler, die bei Carsten Nicolai den bausatz noto ergeben. Die Beschäftigung mit Kunst in einem Medium, das keinen Kulturteil hat, erfreut nicht nur die Macher der Ausstellung, sondern auch den Energieversorger RWE als Sponsor.

Die vielfachen Zusammenhänge zwischen Massenmedien, Kunst und Wirtschaft(skrise) standen folgerichtig im Mittelpunkt einer Diskussion im Gropiusbau, zu der aus Wien Klaus Albrecht Schröder (Albertina) angereist war, zudem der Ästhetikprofessor Bazon Brock, Händler Christoph Graf Douglas sowie Nikolaus Fest (Chefredaktion Bild) und Stephan Muschick, der bei RWE das Kultursponsoring verantwortet. Gemeinsam versuchten die Herren, der Krise auf die Spur zu kommen.

Am einen Ende des langen Tisches saß Brock, der mit Elan auf eine menschheitsgeschichtliche Perspektive hinauswollte. Am anderen Ende saß Schröder, der klarmachte, dass von einer "Museumskrise" keine Rede sein kann, denn die Institution sei weiterhin "die demokratischste Einrichtung" in der Kulturöffentlichkeit. Museen müssen nur mit deutlich weniger Geld auskommen, weil das Sponsoring zurückgegangen ist.

Anspruchsvolle Begriffe

Schröders Begriff der Krise lässt sich also beziffern, während Brock einen ungleich anspruchsvolleren Krisenbegriff verfocht: Mit einer Krise haben wir es immer dann zu tun, wenn etwas nicht unserem Belieben unterworfen ist. Die ganze Welt ist damit eigentlich "Krise" . Sie fordert uns heraus, andere als "kulturelle" Antworten zu finden. "Kulturelle Antworten" sind für Brock alle nationalen, regionalen, ethnischen Letztbegründungen.

Diese Rede von Krise wäre anschlussfähig gewesen, nur zogen sich die anderen Gesprächspartner zu stark auf ihr jeweiliges Geschäftsfeld zurück. Schröder sprach konsequent als Museumsdirektor, Fest als Boulevardjournalist, Douglas als Verkäufer und Muschick als Manager ("Wir wollen die Diskussionen, zu denen Kunst führt, im Unternehmen haben." ).

Da das deutsche Grundgesetz für Energieversorger "Ewigkeitskosten" vorsieht, hätte hier wieder das Wort an Brock fallen können. Doch der war mit seinen Gedanken der Runde schon voraus. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.6.2009)

 

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