Muster und Motive sporadischer Mobilität

2. Juni 2009, 20:12
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Mit einer Kombination aus qualitativen und quantitativen Ansätzen wollen Forscher die Wissenslücken über sogenannte Non-Routine-Trips, unregelmäßige und seltene Fahrten, schließen

Veränderungen im Berufsleben und in der Freizeitgestaltung führen zu verändertem Mobilitätsverhalten: "Flexibilität und Individualisierung rücken in den Vordergrund, in der Folge spielen spontane Fahrten, sogenannte Non-Routine-Trips (NRT), also etwa die spontane Fahrt in den Supermarkt oder ins Schwimmbad, eine immer größere Rolle", umreißt Jens Dangschat vom Fachbereich Soziologie des Departments für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung an der TU Wien, die Ausgangsthese des Forschungsprojektes zu Mobilitätsstilen der Zukunft, dessen Leiter er ist.

"Dieser Gelegenheitsverkehr läuft vielfach über Auto oder Motorrad", erklärt der Soziologe. "Die Frage ist unter anderem, wie ein auf Massenverkehr ausgerichteter Anbieter ausreichend differenziert darauf reagieren kann." Das interessiert auch die ÖBB, die ebenfalls mit an Board dieses vom Infrastrukturministerium im Rahmen der Förderlinie ways2go unterstützten Grundlagenforschungsprojekts sind.

Differenzierung durch Milieus

"Über die Ausprägung und Entwicklung unregelmäßiger und seltener Fahrten sind derzeit nur unzureichende Informationen vorhanden", sagt Anne Quatmann, die sich in der Strategie/Unternehmensentwicklung der ÖBB Holding mit Mobilitätsforschung beschäftigt. "Daher war der erste Schritt die Initiative für ein Grundlagenforschungsprojekt zu Gelegenheitsverkehren."

Ein Vorhaben, das nach neuen Ansätzen verlange, denn Motive und Verhaltensmuster seien weitgehend unerforscht, wie Dangschat hinzufügt: "Man hat in der Verkehrsforschung in der Regel Merkmale wie Alter, Geschlecht, Führerscheinbesitz, Haushaltstyp." Diese Kategorien seien allerdings zu heterogen, als dass man damit sinnvolle Erklärungen machen könnte. Hier kommen Milieugruppen - und damit die Soziologie - ins Spiel: "Sie bringen zusätzliche Erklärungskraft durch Differenzierung." Denn Milieus würden auch immer bestimmte Wertvorstellungen mit einschließen.

Zum Beispiel die Einstellung zum Auto und allen damit zusammenhängenden Debatten wie Umweltschutz, Benzinpreis etc. "Gerade bei jüngeren Menschen ist es sehr stark vom Milieu abhängig, ob man einfach einmal so das Auto nimmt und in der Gegend herumfährt", schildert Dangschat. Eine Parallele fand er dabei zwischen der österreichischen Landjugend und türkischen Jugendlichen in Wien: "Beide Gruppen, vor allem Burschen, definieren sich sehr stark über den Auto- und Führerscheinbesitz und die Automarke."

Diese Gruppen würden sich auch ohne vorher definiertes Ziel hinters Steuer setzen, einfach "um gut drauf zu werden, wie Dangschat sagt. Kein Wunder also, dass in dieser Gruppe öffentliche Verkehrsmittel kein hohes Ansehen haben, wobei es auf dem Land verhältnismäßig mehr NRT gebe als in der Stadt. Individuelle Mobilität stünde dort im Vordergrund. "Die Leute auf dem Land sind zudem von vornherein strukturell benachteiligt", erklärt Dangschat. Ein anderes Projekt beschäftige sich daher mit der Mobilität älterer Menschen auf dem Land.

Befragen und validieren

Neben der Bildung und Befragung milieubezogener Fokusgruppen werden für einen Teil der Befragten mithilfe von GPS-Tracking- und Tagebuchmethoden die tatsächlich zurückgelegten Wege erhoben und begründet. Mit diesen "objektiven" Daten sollen die Befragungsdaten validiert werden, und ein differenziertes Bild über "Routine"- und "Nichtroutine"-Mobilitätsmuster soll erzielt werden. "Von der Kombination aus qualitativem und quantitativem Forschungsansatz erwarten wir fundierte Grundlagen", erklärt Quatman, "die uns bei der Entscheidung unterstützen, wie wir uns in diesem Bereich in Zukunft positionieren wollen".

Auch wenn es noch zu früh ist, um über konkrete Maßnahmen aufseiten der Öffis zu sprechen, solle es erste Ergebnisse im Frühjahr 2010 geben, rechnet Dangschat mit einem Dilemma: "Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit wird die Infrastruktur immer mehr ausgedünnt." Und der vergleichsweise flexible Postbus, zu den ÖBB gehörend, habe ein schlechtes Image. "Die Vorurteile sitzen in diesem Zusammenhang tief", schildert er. Es bedürfe einer Strategie, wie die Fläche erschlossen werden kann, um die Menschen auf Schiene zu bringen. Aufseiten der ÖBB will man noch abwarten: "Wir müssen zunächst die Grundlagen schaffen", erklärt Quatmann, "auf denen wir unsere Strategie und in einem zweiten Schritt konkrete Planungen aufbauen können." Schließlich wolle man als Verkehrsunternehmen auf die zukünftigen Mobilitätsbedürfnisse eingehen und ein adäquates Angebot schaffen. (Markus Böhm, DER STANDARD/Printausgabe 3.6.2009)

  • Auf dem Rad oder per pedes: Individuelle Mobilität und neue
Mobilitätsstile beschäftigen Forscher und Anbieter öffentlicher
Verkehrsmittel gleichermaßen.
    collage: beigelbeck

    Auf dem Rad oder per pedes: Individuelle Mobilität und neue Mobilitätsstile beschäftigen Forscher und Anbieter öffentlicher Verkehrsmittel gleichermaßen.

  • Mobilitätsforscher Jens Dangschat.
    foto: tu wien

    Mobilitätsforscher Jens Dangschat.

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