Marion Mustermann auf der Suche nach ihrem Ich

1. Juni 2009, 19:18
1 Posting

Die Doku-Performance "Black Tie" von Rimini Protokoll führt entlang einer Biografie nach Südkorea und ins Nichts

Wien - Das Interesse am authentischen Leben ist im Theater in den letzten Jahre größer geworden. Biografien boomen, siehe Joachim Meyerhoffs Serie Alle Toten fliegen hoch am Burgtheater.

Der unverbesserliche Charakter des "Echten", mehr noch sein dokumentarisch-kritischer Ansatz prägen die Arbeiten der Gruppe Rimini Protokoll, die neben Karl Marx: Das Kapital, Erster Band bei den Wiener Festwochen auch mit einer neueren Arbeit vertreten sind. In Black Tie begibt sich eine in Deutschland aufgewachsene junge Frau südkoreanischer Herkunft auf die Suche nach ihren Wurzeln. Miriam Yung Min Stein sagt an diesem Abend 276-mal "Ich" und wird am Ende nicht dahinterkommen, wer gemeint ist.

1977 wurde sie als Park Yung Min (was im Deutschen einem Namen wie Marion Mustermann entspricht) in Seoul zur Adoption freigegeben und von einer Familie in Osnabrück aufgenommen. Sie fühlte sich dort aufgrund ihres asiatischen Aussehens stets fremd.

In Black Tie unternimmt sie den Versuch, die äußerlichen Beweisstücke ihrer Existenz auf eine Biografie hin zu überprüfen: eine Identitätssuche vor einer Leinwand und einem Turntable-Setting mit frontalem Blick ins Publikum des brut-Künstlerhauses. Miriam Yung Min Stein bringt Familienfotos in Position, schickt schriftliche Dokumente durch den Scanner und greift dort, wo die private Erinnerung nicht reicht oder gar nicht existiert, auf Markierungen des kollektiven Gedächtnisses zurück: "Ich bin Stalin, Kim Il-sung und Mao zusammen in Jalta, als sie Korea entlang des 38. Breitengrads geteilt haben."

Die in sich reflektierte Erzählung, in die sich mit dem Auftritt einer "Doppelgängerin" auch die Möglichkeit eines wiederum anderen Lebens einschreibt, legt Strukturen und Spuren des Erinnerns offen, bleibt dabei aber konventionell. Die Fiktionalisierung des Authentischen ist ein gängiges Verfahren, hier verliert es durch die technische sowie die Souveränität der (bühnenerfahrenen) "Expertin" allmählich an Kraft.

Zum Schluss taugen die bunten Striche des genetischen Codes, die letzte, immerhin biochemische Wahrheit über das Ich, lediglich als Tapetenmuster zu Füßen der Protagonistin. Das muss die ganz persönliche Rache am Wort "genetischer Fußabdruck" gewesen sein. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 02.06.2009)

Share if you care.