Kafka in Moskau

27. Mai 2009, 20:14
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Medwedjews Historikerkommission soll "Geschichtsfälschungen" bekämpfen

Der russische Präsident Dmitri Medwedjew hat dieser Tage eine Historikerkommission gegründet, die "Geschichtsfälschungen" bekämpfen soll. Geleitet von seinem Stabschef, setzt sich die Kommission aus Vertretern verschiedener Ministerien und Behörden, unter anderem der Geheimdienste und des Militärs zusammen.

Die Nachricht hat Aufmerksamkeit im Ausland und Besorgnisse in Russland geweckt. Selbst der in jüngster Zeit sehr vorsichtig agierende letzte Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow erklärte, er begreife den Sinn der Kommission nicht, möglicherweise bewirke sie aber das Gegenteil dessen, was sie erreichen solle.

Es war der vor vier Jahren verstorbene Vordenker der Gorbatschow-Ära und "Erfinder" der Politik der "Glasnost" (Transparenz), Alexander Jakowlew, der in seinen Memoiren und Briefen an Gorbatschow, Jelzin und Putin immer wieder vor den verhängnisvollen Folgen einer "gefährlichen Nostalgie nach dem Stalinismus" gewarnt hat, die dann "das Land in einen neuen Wirbel von Prüfungen stürzen könnte". Mit Glasnost wurde "die Wahrheit aus dem eisernen Käfig in die Freiheit entlassen", schrieb Jakowlew.

In der Sowjetunion und im ganzen Ostblock gab es eine durch die Parteilinie jeweils bestimmte Informationshierarchie, eine "Hauptverwaltung der ewigen Wahrheiten", deren Tätigkeit die Beobachter oft an Kafkas und Orwells Romane erinnert hatte. Vertrauliche Informationsbulletins für die Parteibürokraten, kontrollierter Zugang zu den "gefährlichen" Büchern in den Bibliotheken, verlogene Geschichtsbücher für die Schüler und Studenten und das, was Solschenizyn "die allgemeine, obligatorische Zwangsernährung mit Lügen" nannte, waren zusammen mit dem Machtmonopol die Säulen des Sowjetsystems.

In einer bewegenden Rede bei einer Kundgebung zur Erinnerung an die Verfolgten, gehalten vor der Moskauer Zentrale des Geheimdienstes am 30.Oktober 2000, sagte Jakowlew: "Ohne Reue gibt es keine glückliche Zukunft. Es ist unsere moralische Pflicht vor der Geschichte, den kommenden Generationen unser gemartertes Gedächtnis über unser Unheil und unsere Schuld zu übereignen."

Der Bahnbrecher der demokratischen Öffnung fügte fast prophetisch hinzu: "Wenn wir diese schlichte Wahrheit nicht begreifen, werden wir einer autoritären Nomenklatura erneut den Weg bahnen ..., wieder eine Hymne im Namen Stalins spielen und Lenins Leichnam mit Flinten bewachen lassen, so wie man uns einst in Konzentrationslagern bewachte, die eben dieser Lenin etablierte."

Nachdem die Medien seit Putins Machtantritt wieder an die Kandare genommen und eine Reihe von regierungskritischen Journalisten unter bis heute ungeklärten Umständen ermordet wurden, werden nun Historiker, Schulbuchautoren und Publizisten nur die national-populistische Linie gegen "die Verfälschung der Geschichte zum Schaden Russlands" vertreten dürfen.

Zwei Gesetzesvorlagen sehen für "Geschichtsverfälschung" sogar hohe Geld- und Gefängnisstrafen vor. Die Rückkehr zu den alten Mythen statt der von Gorbatschow und Jelzin begonnenen und inzwischen unterbrochenen Aufarbeitung der Vergangenheit symbolisiert eine bedenkliche Entwicklung. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 28.5.2009)

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