"Geistiger Guerillakrieg gegen Rassismus"

26. Mai 2009, 18:43
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Geisteswissenschaften sind auch ökonomisch sinnvoll, sagt der Romanist Michael Rössner

Was sie von Quantenphysik lernen können und warum Lateinamerika Vorbild für Europa sein sollte, erfuhr Karin Krichmayr.

Standard: Die Mission des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, das Sie seit kurzem leiten, besteht laut Homepage darin, sich den gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Was können die Kulturwissenschaften in Krisenzeiten für die Gesellschaft tun?

Rössner: Einiges. Wir beschäftigen uns mit dem Thema Krisenbewusstsein zum Beispiel im Rahmen des nächsten "ernst mach forums" im Herbst, wo es um die Frage gehen wird, was Krisenprozesse bedeuten, sowohl in der Psychologie und Literatur als auch in der Physik, Chemie, Medizin, Wirtschaft.

Standard: Trifft die Krise auch die Kulturwissenschaften selbst?

Rössner: Es besteht natürlich eine Gefahr, dass man meint, wir könnten uns in Zeiten wie diesen nur Wissenschaften leisten, die unmittelbar ökonomische Resultate liefern. Das richtet sich aber generell gegen Grundlagenforschung, auch in den Naturwissenschaften, und ist sehr kurzsichtig. Man sollte außerdem nicht unterschätzen, was Kultur im weitesten Sinne auch ökonomisch für eine Rolle spielt, wie viel vom BIP direkt oder indirekt kulturell bedingt ist – insbesondere im IT-Zeitalter. Das Atout der Kulturwissenschaften besteht darin, dass sie transdisziplinär arbeiten und damit, ökonomisch gesprochen, einen Synergieeffekt auslösen und daher auch besser kommunizieren können.

Standard: Haben die Geisteswissenschaften immer noch einen Rechtfertigungsbedarf gegenüber den Naturwissenschaften?

Rössner: Es steht heute außer Zweifel, dass die Geisteswissenschaften eine gewisse gesellschaftliche Relevanz haben. Trotzdem sind wir oft in der Situation der "Quotenfrau", das heißt, oft werden kulturwissenschaftliche Projekte nur als Alibi unterstützt, damit es nicht so ausschaut, als würde man die gar nicht fördern. Wir haben den Nachteil gegenüber den Naturwissenschaften, dass diese, auch wenn sie Grundlagenforschung betreiben, sagen können: Wir haben eine Umwegrentabilität, irgendwann kommt auch eine technische Erfindung heraus. Die Geisteswissenschaften haben auch eine Umwegrentabilität, aber die lässt sich nicht materiell in dem Sinn definieren, dass wir einen besseren Kugelschreiber ermöglichen, weil wir diese und jene Überlegungen anstellen. Das ist aber auch ein Vorteil, denn es zwingt uns zu Kommunikation, die nicht nur eine Marketingstrategie, sondern unser Produkt selbst ist.

Standard: Wo gibt es Anknüpfungspunkte zu den Naturwissenschaften?

Rössner: Ein Beispiel: Zu den meistzitierten Autoren in meinen eigenen Artikeln gehört der Quantenphysiker Anton Zeilinger. Weil er eine Wahrheit der Quantenphysik verständlich für die Allgemeinbevölkerung vermittelt hat: Dass es nicht eine rein binäre Logik gibt, also 1 oder 0 bzw. ja oder nein, sondern dazwischen auch unentschieden. So wie beim Toto: 1, 2, X. Das ist eine in der Physik längst anerkannte Wahrheit, die in den Geisteswissenschaften erst ganz allmählich Platz greift und mit einem kulturwissenschaftlichen Standpunkt eher erfassbar wird. Auch in der Kommunikation können wir von den Naturwissenschaftern lernen. Wenn Zeilinger nur seine Formeln aufschreibt, kann damit kein Mensch was anfangen. Er muss sie übersetzen, in eine Erzählung umwandeln. Das haben wir Geisteswissenschafter, obwohl wir uns mit Erzählung und Übersetzung beschäftigen, lange Zeit nicht gemacht.

Standard: Wo werden die künftigen Forschungsschwerpunkte des Instituts liegen?

Rössner: Ich möchte auf den bisherigen Ausrichtungen – Gedächtnisforschung, Theatergeschichte und Wissenskulturen – aufbauen. Was ich neu einzubringen versuche, sind die Ausführungsschritte dazu: Erzählen, Inszenieren und Übersetzen. Das Erzählen als Narrativ einer Gemeinschaft fasst das kollektive Gedächtnis zusammen und schneidert daraus eine Art Kleid, eine Identität. Dieser Begriff von Erzählen beinhaltet die Literatur, das Geschichtsnarrativ und darüber hinaus das Narrativ, das im Film, in Bildern, in Denkmälern aufgebaut werden kann. Inszenierungen, ob im Theater, Film oder im öffentlichen Raum, setzen das Narrativ um. Und ein solches Umsetzen bedeutet zugleich Übersetzung in andere Text- oder Denkformen. Sehr interessant ist etwa die Frage der interreligiösen Übersetzung: Wie werden bestimmte Werte zwischen religiösen Gemeinschaften übersetzt? Auch die Übersetzung im ursprünglichen Sinn wird unser Gegenstand sein, aber im Zusammenhang der Kultur: Also für wen wird übersetzt, in welcher Art und Weise, was ist der Zweck, was ist der Kontext?

Standard: Einer der wesentlichen Schwerpunkte des Instituts ist Erinnerungskultur. Kürzlich haben junge Burschen in Ebensee gezeigt, dass Gedenken an die Vergangenheit auch heute noch provozieren kann. Was läuft falsch?

Rössner: Diese Aktionen sind ja nichts absolut Neues. Auch Hakenkreuzschmierereien hat es immer wieder gegeben. Das Problem ist, dass eine dominante kulturelle Erinnerungskultur immer zu einem gewissen Widerspruch verlockt, das hat auch mit dem Generationenproblem zu tun. Beispielsweise wird den Kindern in der Schule heute gesagt, welche rassistischen und sexistischen Bezeichnungen man nicht verwenden darf, mit dem Ergebnis, dass sie irgendwann absichtlich diese Ausdrücke benutzen. Das ist tatsächlich ein Problem der Erinnerungskultur. Das heißt, man muss überlegen, wie man antirassistisches und Shoah-Gedächtnis so transportieren und übersetzen kann, damit es nicht totalitär vereinnahmend wirkt und damit bei einer anderen Generation genau die Reaktion hervorruft, die man nicht haben will.

Standard: Wie kann man das erreichen?

Rössner: Wir hatten zum Beispiel ein Shoah-Projekt, bei dem man versuchte, zu verfolgen, was aus arisierten Alltagsgegenständen geworden ist. Oder Grätzelinitiativen, die sich fragen, wer aus ihren Wohnungen vertrieben wurde. Ich glaube nicht, dass wir die Problematik, dass rechte Netze heute viel einfacher aufgebaut werden können als früher und mittlerweile Sympathisanten dieser Bewegung in politischen Gremien sehr gut vertreten sind, mit einer verordneten Erinnerungskultur in den Griff kriegen können. Eher schon mit einer Art geistigem Guerillakrieg, mit kleinen Aktionen, mit Dingen, die in den Nahebereich gehen, die menschlich individuell identifizierbar sind und in einem konkreten Kontext stehen.

Standard: Sie beschäftigen sich als Romanist intensiv mit Lateinamerika. Was kann Europa von Lateinamerika lernen?

Rössner: Lateinamerikanische Gesellschaften sind hybrid in dem Sinn, dass sich verschiedene Kulturen – indigene, europäische und mittlerweile asiatische – überlagern und eben nicht verschmelzen, wie es lange behauptet wurde. Es ist ein konfliktives Aushandeln untereinander, das gerade jetzt vergleichbar mit dem zentraleuropäischen Raum ist. Trotz verschiedener Genozide, ethnischer Säuberungen, Umsiedelungen etc. hat Europa immer noch ein relativ großes Potenzial an kultureller Hybridität. Lateinamerika ist ein bisschen wie ein Laboratorium für Europa. Weil eine solche Art von hybrider Kultur mit starken und heterogenen europäischen Wurzeln letztlich auch in der Europäischen Union entstehen wird. Man wird mit diesem Überlappen und Aushandeln leben lernen müssen, und da kann man einiges von Lateinamerika lernen.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. Mai 2009)

Zur Person

Der Romanist und Literaturwissenschafter Michael Rössner, geb. 1953 in Wien, leitet seit 1. März das Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Zudem lehrt er an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie an den Unis Wien und Innsbruck. Der Übersetzer, Autor und Herausgeber ist Vater dreier Kinder und hat Gastprofessuren an zahlreichen lateinamerikanischen Universitäten innegehabt.

Wissen: Kultur und Codes

Ein Kulturbegriff, der nicht nur Kunst, Wissenschaft und Religion umfasst, sondern Kultur als dynamisches Ensemble aus Zeichen, Symbolen und Codes begreift, mittels derer die Gesellschaft kommuniziert, sich orientiert und identifiziert – das ist die Grundlage der Forschungen des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Akademie der Wissenschaften. Die 1998 von ihrem langjährigen Leiter Moritz Csáky ins Leben gerufene Kommission, die Anfang dieses Jahres zu einem Institut aufgewertet wurde, hat sich vor allem durch Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Gedächtnis- und Erinnerungskultur einen Namen gemacht. Dabei untersuchen die Projekte unterschiedlichste Repräsentationen des Gedächtnisses in Theater, Literatur sowie der öffentlichen Erinnerungskultur. Derzeit sind etwa 20 wissenschaftliche Mitarbeiter aus verschiedenen Forschungsrichtungen beschäftigt.

Link
www.oeaw.ac.at/ikt

  • Ständiger Austausch über fachliche Schranken hinweg ist das Credo von Michael Rössner. "Kommunikation ist nicht nur unsere Marketingstrategie, sondern unser Produkt selbst", sagt der neue Leiter des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte.
    foto: standard/corn

    Ständiger Austausch über fachliche Schranken hinweg ist das Credo von Michael Rössner. "Kommunikation ist nicht nur unsere Marketingstrategie, sondern unser Produkt selbst", sagt der neue Leiter des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte.

  • Rössner plädiert für kleine Aktionen (wie die Grätzelinitiative "Servitengasse 1938") anstatt verordneter Gedenkkultur.
    foto: standard/newald

    Rössner plädiert für kleine Aktionen (wie die Grätzelinitiative "Servitengasse 1938") anstatt verordneter Gedenkkultur.

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