Preis für "Das weiße Band": Michael Haneke gewinnt die Goldene Palme

24. Mai 2009, 21:38
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Für seinen Film "Das weiße Band" preisgekrönt - Nach Großem Preis für "Klavierspielerin" und Regiepreis für "Caché" erhält der Österreicher nun auch den Hauptpreis des Festivals - Christoph Waltz für Tarantinos "Inglourious Basterds" als bester Schauspieler ausgezeichnet

Michael Hanekes präzise historische Studie "Das weiße Band" wurde auf den 62. Filmfestpielen von Cannes mit der Goldenen Palme prämiert. Der Österreicher Christoph Waltz erhielt den Preis als bester Darsteller.

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Der Triumph für Michael Haneke ist perfekt: Für Das weiße Band erhielt der österreichische Regisseur gestern Abend die wohl größte Auszeichnung, die die Filmwelt bereit hält, die Goldene Palme von Cannes. Mit kühlem Blick und formaler Rigidität breitet er in dem historischen Drama die ominösen Ereignisse in einer protestantischen Dorfgemeinschaft am Vorabend des Ersten Weltkriegs aus. Ein weitere Studie der Verrohung einer Gesellschaft, die der Film anhand der Verhältnisse zwischen Eltern und Kindern veranschaulicht.

Das weiße Band ist ein Film von großer inszenatorischer Strenge. Kristallklare Schwarzweißbilder vermitteln latente Gewalt - Hanekes erweist sich hier einmal mehr als Regisseur des Sublimen; die Gewalt muss nicht ausagiert werden. Ursprünglich als Fernsehfilm konzipiert, weist der Film eine episodische Struktur aus. Nach Der Klavierspielerin und Caché, mit denen Haneke bereits zwei Mal in Cannes erfolgreich war, ist der neue Film vielleicht kein Quantensprung für den Regisseur - im diesjährigen Wettbewerb war er dennoch eine der konzentriertesten Arbeiten.

Ein filmisches Gegenstück zu Haneke ist Quentin Tarantinos Inglourious Basterds, der sich eine B-Movie-Tradition aneignet, um das Genre des Historiendramas zu kidnappen - vielleicht einer der unterschätztesten Filme in Cannes. Nun wurde er zum Triumph eines weiteren Österreichers: Christoph Waltz erhielt für seine Rolle als sadistisch-pedantischer Nazi die Auszeichnung als bester Darsteller. Und auch der zweite heimische Film in Cannes, La Pivellina von Tizza Covi und Rainer Frimmel, wurde prämiert - mit dem Preis der europäischen Kinos.

Notorische Provokateure wurden von der Jury unter Leitung von Isabelle Huppert ebenso belohnt: Der philippinischen Regisseur Brillante Mendoza, der mit Kinatay einen der umstrittensten Filme des Festivals ablieferte, wurde als bester Regisseur ausgezeichnet: eine mutige Entscheidung, spielt der Film, der vom fatalen Kidnapping einer jungen Frau erzählt, doch ganz offen mit dem Yoyeurismus des Zuschauers.

Überraschungen waren in der 62. Ausgabe des Festivals dennoch dünn gesät. Mit seiner Auswahl hatte Festivaldirektor Thierry Frémaux in diesem Jahr auf eine allzu kalkulierte Mischung gesetzt. Zwar lieferte Lars von Trier mit seiner Horrormär Antichrist einen äußerst kontrovers diskutierten Film (und ein paar neue Grenzwerte), aber selbst das passte zum Kalkül einer Qualitätskino-Revue. Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg verlangte die Rolle immensen Einsatz ab - zu Recht wurde sie dafür ausgzeichnet.

Packendes Gefängnisdrama

Diese Einschätzung soll den Wert einzelner Arbeiten keineswegs schmälern: Auch Jane Campions feingliedriges Drama um die Liebe einer jungen Frau zum Dichter John Keats, Bright Star, vermochte historischen Settings durchaus ungewöhnliche Aspekte abzugewinnen. Jacques Audiards Gefängnisdrama Un prophète war eine der kompromisslosesten Arbeiten im Wettbewerb - sie galt lange als Favorit, nun erhielt sie den Großen Preis der Jury. Die konventionelle Erzählrichtung von Knastdramen kehrt Audiard um. Statt einer Niedergangsgeschichte erzählt er in packendem Rhythmus vom unaufhaltsamen Aufstieg des cleveren Malik (Tahar Ramin), aus dem hinter Gittern ein gemachter Mann wird. Audiard überträgt brisante zeitgenössische Themen, etwa die Problematik Gefangener verschiedener Ethnien, aufs Genre - er war damit einer der wenigen politischen Filme in Cannes.

Mit der Wahl der Jurypreise an Andrea Arnolds Sozialdrama Fish Tank und Park Chan-Wooks Vampirdrama Thirst wurde eine jüngere Generation prämiert - und zwei eher unebene Filme: Fish Tank bedient insgesamt zu berechenbar die Register des sozialrealistischen Kinos. Die beste Idee von Thirst besteht darin, einen Priester zum Blutsauger zu machen.

Dass man sich treu bleiben und dabei doch einen unerwartete Energie bewahren kann, das zu beweisen blieb erstaunlicherweise dem mit 87 Jahren ältesten Regisseur des Wettbewerbs vorbehalten: Alain Resnais. Er wurde für Les herbes folles mit einem Spezialpreis bedacht. Wie alle Arbeiten des französischen Maestros basiert der Film auf einer literarischen Vorlage, in diesem Fall auf Christian Gaillys Roman L'incident.

Ein Lieblingsmotiv Resnais' strapaziert der Beginn, die anarchische Macht des Zufalls: Der Zahnärztin Marguerite Muir (Sabine Azéma) wird die Geldbörse gestohlen, der Finder, ein gewisser Georges Palet (André Dussolier), schwankt zwischen Zurückhaltung und aggressiver Annäherung gegenüber der Besitzerin.

Schließlich entscheidet er sich für Letzteres - der Beginn eines zwischen Komödie und Aberwitz changierenden Beziehungsstücks, das umso wilder, ja tollkühner gerät, je länger der Film dauert. Resnais' mild-ironischer Blick des Spätwerks findet hier mit seiner Lust am Experiment zusammen. Mehr von Letzterem wäre in Cannes gut gewesen. (Dominik Kamalzadeh aus Cannes/DER STANDARD, Printausgabe, 25.5.2009)

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    Michael Haneke erhält die Goldene Palme von Cannes

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    "Einer der glücklichsten Momente meines Lebens", sagte Michael Haneke in seiner Rede nach der Verleihung der Goldenen Palme.

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    Tief bewegt zeigte sich auch Isabelle Huppert, Jury-Präsidentin und Hauptdarstellerin in Hanekes "Die Klavierspielerin".

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    Christoph Waltz erhielt den Preis als bester männlicher Darsteller in "Inglourious Basterds".

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