"Bin wie Journalist: Überleben ist alles"

22. Mai 2009, 18:17
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Wir befinden uns mitten in einer Kulturrevolution, sagt Robert Silvers, Herausgeber der renommierten Literaturzeitung "The New York Review of Books"

Dass sich nicht nur die Lesegewohnheiten ändern, erfuhr Doris Priesching. 

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STANDARD: Wie werden die Menschen in 50 Jahren Bücher lesen?

Silvers: Was wir erleben, ist das Ende der 500 Jahre währenden Gutenberg-Epoche. Die großartige Erfindung des Buchdrucks kommt zu einem Ende, weil Digitalisierung, Internet und E-Books sie ablösen. Google hat sieben Millionen Bücher digitalisiert, viele Verleger wollen ihre Bücher digitalisieren. Ein Freund hat eine Maschine, in die gibt man die Nummer der Bibliothek ein, die der Kreditkarte, und nach fünf Minuten kommt ein Buch heraus, gebunden und mit Cover. Eine kleine, nette Maschine. Wir werden sie vermutlich schon bald in Buchhandlungen sehen.

STANDARD: Mit dem Vorteil, dass man mit digitalisierten Büchern Geld verdienen kann?

Silvers: Ich bin überzeugt davon, dass Bücher in Zukunft größtenteils auf Bildschirmen gelesen werden. Ich habe einen Kindle, wir verwenden ihn ständig zur Recherche. Im Moment kostet das Gerät noch 400 Dollar. Ich denke, es wird bald vier Dollar kosten.

STANDARD: In wie vielen Jahren wird sich der Wandel abspielen?

Silvers: Ich habe keine Ahnung. Ein Buch in der Hand zu halten ist so charmant, so angenehm. Aber die nach uns kommen, werden dieses Gefühl nicht vermissen.

STANDARD: Keine Bücher mehr?

Silvers: Wir befinden uns in einer Kulturrevolution. Ich bin von der alten Garde, und die Zeitungen stapeln sich neben meinem Bett. Viele Leser der New York Review of Books lagern hunderte von Ausgaben im Keller. Wahr ist aber auch, dass wir eine Website haben. Wir haben die Ausgaben aller 46 Jahre digitalisiert. Über ein Abonnement können Sie in einer Minute tausende Artikel haben.

STANDARD: Verändert das unsere Lesegewohnheiten?

Silvers: Enorm. Im Internet liest man anders: Geschäftsleute gehen sofort zu Wirtschaftsthemen. Die Gewohnheit, Zeitungen und Bücher zu lesen, ist zu "browsen". Das Auge schweift umher. Das Internet entspricht dieser Gewohnheit noch mehr: im Surfen. Inzwischen gibt es 200 Millionen Websites.

STANDARD: Manche meinen, das Internet beinhalte zu 99 Prozent unnützes Wissen.

Silvers: Ich denke, das trifft zu, wenn man meint, Sex ist unnütz. Denn davon gibt es ziemlich viel im Internet.

STANDARD: Sehen Sie Gefahren in der Kulturrevolution?

Silvers: Jede Menge. Nachrichten kommen von professionellen Reportern. Deren Inhalte sind im Internet zu lesen. Hunderte von Bloggern beziehen sich darauf und kommentieren die Berichte. Das bringt Zeitungen in Schwierigkeiten. Denn wer wird in der Anzeigenkrise die Reporter bezahlen? Wir werden Wege finden müssen, um sie zu unterstützen. Im Moment schreiben alle Websites von der New York Times ab. Aber die New York Times schreibt Verluste.

STANDARD: Wie viele Bücher lesen Sie pro Woche?

Silvers: An manchen Tagen schaue ich hundert täglich durch.

STANDARD: Ihr Lieblingsbuch?

Silvers: Ich habe keines, denn ich lese so viele Bücher. Ich habe einen Autor, William Hazlitt, den ich jedem Journalisten ans Herz legen möchte. Von ihm kann man lernen zu schreiben.

STANDARD: Sie gelten als höchst aktiver Herausgeber. Der Ruhestand reizt Sie gar nicht?

Silvers: Würde ich morgen sterben, gäbe es vier oder fünf junge hervorragende Nachfolger. Darüber mache ich mir keine Sorgen. Im Moment fühle ich mich wie ein Journalist: Überleben ist alles. (DER STANDARD; Printausgabe, 23./24.5.2009)

Zur Person:

Robert Silvers (79) gründete "The New York Review of Books" vor 46 Jahren und machte sie zur wichtigsten Literaturzeitschrift der Staaten. Silvers war auf Einladung des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.

  • Angenehm fühle sich ein Buch in der Hand an, sagt Robert Silvers. Aber Nachkommen werden das Gefühl nicht vermissen.
    foto: standard/fischer

    Angenehm fühle sich ein Buch in der Hand an, sagt Robert Silvers. Aber Nachkommen werden das Gefühl nicht vermissen.

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