Wunscherfüllung mit "Operation Kino"

21. Mai 2009, 18:45
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Unterschiedliche Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit: Tarantinos "Inglourious Basterds" und Hanekes "Das weiße Band"

Seelen sind in Cannes derzeit billig zu haben. Vor dem Ausgang des Festivalpalais stehen Fans von Sam Raimis schockintensivem neuen Horrorfilm Schlange. Mit kleinen, selbstgebastelten Kärtchen versuchen sie Resttickets zu ergattern: ",Drag Me to Hell s.v.p.' - auf deutsch: ,Reiß mich in die Hölle hinab'", steht darauf zu lesen. So heißt auch der Film, in dem eine Bankangestellte der Fluch einer Zigeunerin ereilt, als sie ihr keinen Kredit mehr gewährt.

Raimi bietet jene Art offensiver Gänsehauterfahrung an, die sicher auch Quentin Tarantino gefällt, dessen Seele längst dem Kino gehört. In den exotischeren Ausläufern der Filmgeschichte entdeckt der Exvideothekar grelle Übersteigerungsformen, deren Kräfte er neu freizulegen versucht. Mit Inglourious Basterds widmet er sich nun dem europäischen Kriegsfilm in seiner Exploitation-Variante.

Enzo G. Castellaris (fast) gleichnamiger Film Inglorious Bastards von 1978 diente allerdings nur als sehr vage Inspiration: Bei Tarantino werden aus einem kriminellen Spezialtrupp, der abseits aller militärischen Ordnungen agiert, jüdische US-Söldner, die Nazis wie Trophäen jagen. Gnadenlos ziehen sie ihren Opfern den Skalp ab, manchmal zertrümmert ihnen auch der "Bear Jew" den Schädel.

Doch weniger, als man vermuten würde, steht hier das kriegerische Treiben im Mittelpunkt: Inglourious Basterds ist vor allem die Fantasie einer Geschichtskorrektur, die ständig aufs Kino zurückverweist. In fünf getrennten Kapiteln entwirft der Film einen losen Plot um ein Pariser Lichtspielhaus, in dem ein NS-Propagandafilm seine Premiere feiern wird: Hitler und Goebbels werden höchstpersönlich anwesend sein und sollen bei einem Attentat beseitigt werden.

Tarantino verstand sich schon immer auf Szenen, deren Druck zögerlich steigt, sich wieder verliert, bis er irgendwann zu einer mächtigen Explosion führt. Auch hier wird der Plot gerne kunstvoll verlangsamt, und Nebensächlichkeiten wie ein verräterischer britischer Akzent oder die enervierende Pedanterie eines Gestapo-Obersts dominieren die Situationen. Das populäre Format mit seinen Trash-Qualitäten trägt der Film aber nur wenig nach außen, vielmehr lässt er es mit ebenso klugen wie komischen Einfällen zum Vehikel neuer Inhalte werden: Das Kino rächt sich hier selbst an jenen, die es für propagandistische Zwecke missbraucht haben.

Tarantino bleibt in Inglourious Basterds nicht im Zitat stecken, sondern zeigt sich als Autor mit einem souveränen Stilbewusstsein. Allein wie er mit dem mehrheitlich deutschsprachigen Cast (darunter der Österreicher Christoph Waltz in der Nazi-Rolle seines Lebens) und internationalen Stars wie Brad Pitt seine Sprachspiele treibt, macht großen Spaß.

Skizze der Verrohung

Das Kino von Michael Haneke besetzt, was die ästhetischen Vorlieben betrifft, ungefähr das entgegensetzte Ende von jenem Tarantinos. Dabei könnte man Das weiße Band auch als Aneignung einer historischen Form bezeichnen.

Das Allerwenigste wird hier ausagiert - um so mehr angedeutet, als Symptom beschrieben. Haneke erzählt von seltsamen Vorfällen in einem deutschen Dorf kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Ein Arzt kommt beim Ausritt zu Sturz, der Sohn des örtlichen Barons wird misshandelt, später auch noch ein behindertes Kind. Man kann es als Skizze einer gesellschaftlichen Verrohung verstehen - ein bevorzugtes Thema des Regisseurs, diesmal in die Vergangenheit übertragen.

In kristallinen, digital nachbearbeiteten Schwarz-Weiß-Bildern lotet der Film allmählich Machtverhältnisse aus - vor allem das Gefälle von Eltern zu Kindern. Der Pastor (Burghart Klaussner) bindet seinen Sprösslingen ein weißes Band um, das sie an Tugenden erinnern soll, und bestraft sie mit der Peitsche.

Anderswo finden sich Inzest, sexuelle Repression und Konformismus. Haneke inszeniert mit einer gravitätischen Strenge, er findet Bilder, in denen Figuren wie hinter Glas agieren, oft in gespenstischer Stille. Stilistisch schließt der Film an eine Tradition von Literaturverfilmung an (das Buch ist jedoch von Haneke selbst), als gelte es, diese Form nochmals zu radikalisieren. Das wirkt bei aller Präzision und Raffinesse oft auch ein wenig museal. Ursprünglich war der Film als Fernsehmehrteiler geplant - und man fragt sich, ob er in diesem Kontext nicht stimmiger erscheinen würde.

Mit La Pivellina von Tizza Covi und Rainer Frimmel war das heimische Kino noch mit einer weiteren Arbeit in Cannes vertreten. Das Duo setzt darin fort, was es mit dem Dokumentarfilm Babooska begonnen hat: Es widmet sich dem Alltag einer italienischen Zirkuskleinfamilie, diesmal in leicht fiktionalisierter Form. Ein zweijähriges Mädchen, das man allein in einem Park zurückgelassen hat, stößt zu dem Familienverband und wird mit Selbstverständlichkeit versorgt. Die Nähe zu den Amateurschauspielern ist hier in jeder Einstellung zu spüren. Gesten wirken aufrichtig, richtiggehend erhascht.

Die Meisterschaft von Covi/ Frimmel liegt darin, diese so zu verdichten, dass sich darin die Realität einer Familie abbildet, die bei allen ökonomischen Engpässen nicht auf den solidarischen Zusammenhalt vergisst. (Dominik Kamalzadeh aus Cannes, DER STANDARD/Printausgabe, 22.05.2009)

  • Das Kino rächt sich selbst an jenen, die es für Propaganda
missbrauchen: (Falsche) Nazis als Knallchargen in Quentin Tarantinos
schriller Geschichtsfantasie "Inglourious Basterds".
    foto: filmfestival cannes

    Das Kino rächt sich selbst an jenen, die es für Propaganda missbrauchen: (Falsche) Nazis als Knallchargen in Quentin Tarantinos schriller Geschichtsfantasie "Inglourious Basterds".

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