Traurige Tropen

20. Mai 2009, 11:09
81 Postings

Österreichs Zeitungsjournalismus war auch früher schon schlecht - Einzelkämpfer zogen ihn an den Haaren aus dem Dreck - Daraus könnte man heute Schlüsse ziehen - Und einsehen, dass man morgen mehr Leute erreicht - Und mit weniger auskommen muss - Von Terence Lennox

Die Litanei alter Männer ist zumeist unerträglich. Man weiß, dass man alt ist, wenn man die gleiche Litanei anstimmt, die Litanei, dass früher alles besser war. Dann ist man alt. Ich bin alt. Ich weiß es besser. Ich bin unerträglich. Mir selbst schon.

Früher war alles schlechter. Als ich in den Journalismus ging, mit dem einzigen Handwerk, das ich kann, der Fotografie; als ich mich entschloss, meinen Narzissmus mit der Arbeit der Aufklärung zu tarnen, da erschienen in Wien gerade mal zwei annehmbare Magazine: profil und trend.

Der Rest war Dreck. Parteilich, zynisch, rechtsradikal, autoritätshörig, grottenschlecht geschrieben, ohne Wert und am freien Markt zumeist nicht überlebensfähig. Vieles davon hat sich nicht geändert. Lauter Lachnummern, wenn es nicht zum Weinen gewesen wäre.

Der Österreicher wollte das nicht lesen. Vor allem meine Generation nicht. Mit Zwentendorf kam die Wende. Man wollte Gegenreden. Zehn Jahre zu spät. Der Aufbruch des österreichischen Journalismus hat auch mit der versäumten Achtundsechziger zu tun.

Wir kamen aus Schülerzeitungen. Wir haben unsere Blätter vor der Schule verteilt und vom Schulwart dafür Ohrfeigen bekommen. Richtig fette Tachteln. Lehrer und Direktoren haben uns die Blätter aus der Hand gerissen und vernichtet, Schüler wurden wegen ihrer Artikel vor den Kadi gezerrt. Die neue freie Presse Österreichs entstand am Trottoir der Billrothstrasse, der Astgasse, der Wohlmutstrasse. Dass es in Deutschland Zeitungen wie Tempo gab, dass Stern und Spiegel eine neue Generation österreichischer Journalisten überhaupt wahrnahm, ist autoritären Wiener Mittelschulprofessoren zu verdanken. Grotesk.

Überzogene Konten

Wolfgang Fellner gab uns als erster Arbeit. Er brauchte billiges und williges Menschenmaterial für seinen Rennbahn-Express. Hans Schmid nahm uns als zweiter wahr, er brauchte die original Originellen als Frächter für die Anzeigen seiner prosperierenden Werbeagentur. So entstanden Wiener und Wienerin. Und weil Ferenc Papp, Sohn ungarischer Einwanderer, in Österreich ankommen wollte, entstand Cash-Flow, das originellste Wirtschaftmagazin jemals. Aus Cash-Flow entstand später Brand-Eins, eine der erfolgreichsten Neugründungen im deutschsprachigen Printbereich.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Geschichte der Achtziger erzählt also von einem Aufbruch, der finanziell und gesellschaftlich nicht abgesichert war. Weder wurde deine Tätigkeit gewürdigt („Wos? Vun da Zeitung kumman sie? Schleichns ihna, sonst hol I die Pulizei"), noch konntest du sicher sein, dein Geld zu bekommen („Der Scheck, ist ähhhhhh, schon in der Post"). Trotzdem war alles besser.

Alles war besser, weil es Sinn hatte. Es gab viel zu tun, über viel zu berichten. Man durfte in die Nischen und den Nabel schauen. Das war neu. Es galt auch die eigene Einstellung zu verbreiten, Meinung kundzutun, sich abzugrenzen gegen die Lohnschreiber der Knechtenden. Es galt aufzudecken, es war eine Freude aufzudecken. Diese Freude hatte uns das profil gelehrt, das diesen Marsch in das Neue mitging. Der österreichische Journalismus hat sich selbst gebaut, keine Partei (mit einer Ausnahme), keine Verbände haben die Gelder gegeben, sondern Menschen, die schon damals viel schnelles Geld verdient haben und es irgendwo erden wollten. Und Menschen, die ihre Konten bis zum Anschlag überzogen. Für diese Menschen und ihre Versprechen hat man eben auch sein Konto bis zum Anschlag überzogen. Bis es auf einmal vorbei war. Bis man von den Verlagen abgeholt wurde und fettes Geld verdiente. Vor allem in Deutschland.

Alles war anders. Und das ist vorbei.

Print ist tot

Denn Print ist tot. In den Vereinigten Staaten, in Frankreich und Spanien, ansatzweise auch in England und Deutschland ist das spürbar. Überall begegnet man gestandenen Printjournalisten, die plötzlich arbeitslos wurden. Auch gute Leute, wie etwa die Reporter von Vanity Fair, oder die Mitarbeiter von Süddeutsche Wissen, die sich nun am Arbeitsamt arbeitslos melden. Das erste Mal in ihrem Leben. Das ist ein Bruch.

Ihre Arbeitslosigkeit hat nicht nur mit dem Technologiewandel und mit der Finanzkrise zu tun, aber beide beschleunigen eine lang sichtbare Entwicklung. Der Journalismus wurde vor Jahren von Kapitalgebern übernommen, die nur auf Rendite achten und dabei von der Ethik labern, Heuchler, die ihren Lakaien in den geschäftsführenden Chefetagen und befreundeten Beratungsunternehmen fette Summen auszahlen, den Journalismus aber konsequent aushungern. Am Kapitänstisch dieses Unglücksdampfers speisen auch so genannte Urgesteine der schreibenden Branche, die nicht um die Burg auf eines ihrer fünfzehn Gehälter verzichten würden. Und auch nicht auf einen Fünfjahressprung. Besitzstandwahrer, die nicht begreifen, was (und wem) die Stunde geschlagen hat. Bernd Buchholz, Vorstand bei Gruner & Jahr, hatte völlig Recht, als er vor Monaten von einem Sonnendeck sprach, auf dem es sich die Hamburger Journalistenelite bequem gemacht hat. Während dem Meer das Wasser fehlt.

Natürlich gibt es Neues. Auch bei den Printmedien. In Österreich gibt es Datum und Fleisch. Doch diese beiden hoch gelobten Blätter sind nur eine Art Selbstbefriedigung. Und sie wenden sich an eine lesende Elite, die diese Marktbereicherung eher gelangweilt aufnimmt. Leser aber wären dort abzuholen, wo man nicht gerne hinsieht, in der Pfui-Gack-Ecke der rechtslastigen einfachen Schicht, die längst nicht so blöd ist, wie man sie für blöd hält. Auch der Wiener wurde nicht ausschließlich von Döblinger Jugendlichen und Neubauer Avantgardisten gelesen, sondern zumeist von Menschen einfacheren Zuschnitts, die sich dieser Schicht zugehörig fühlen wollten. Zeitung, jedes erfolgreiche Medium, muss das Lebensspektrum erweitern und auch eine Idee für ein Design of Life geben.

Das ist künftig und meiner festen Überzeugung nach die einzige Möglichkeit, ein Printmedium in der Gesellschaft zu verankern. Viel Geld wird man damit nicht mehr verdienen.

Journalismus lebt

Aber es gibt eben nicht nur Printmedien, geschriebene Wörter kommen mit dem Technologiewandel schnell und ohne Türsteher zu den Konsumenten. Ob das Neue ein Geschäftsmodell sein kann, lässt sich heute nicht schlüssig beantworten. Diese Zeilen jedenfalls sind nicht bezahlt worden.
Freiheit, Meinungsfreiheit, Publikationsfreiheit, ist auch die Freiheit, sich zumindest ansatzweise jene Gesellschaft zu zimmern, in der man Leben will. Mit dem Wegfall der exorbitanten Kosten für Druck und Vertrieb, kommt die Möglichkeit publizistischer Freiheit in immer mehr Hände. Hier gilt es früh dran zu sein, seine Marke zu etablieren.

Ein paar Vorreiter haben das begriffen, etwa Robert Misik, der einen hervorragenden Meinungsblog führt und auch die Möglichkeiten von Bewegtbild begreift. Oder Martin Blumenau, der unter dem öffentlich-rechtlichen Mantel jene Artikel verfasst, die ein Feuilleton beglücken sollten, wenn es in Österreich jemals so etwas wie ein Feuilleton geben darf. Dass es nur so wenige begreifen (in Deutschland sind es vergleichsweise auch nicht viele mehr) liegt an einer Nostalgie, die der Kernkompetenz das Grab schaufelt. Weder Blumenau noch Misik verdienen mit ihrem Blog Geld, sie beziehen ihre Einkommen aus anderen Quellen, alten Quellen, die nicht von heute auf morgen austrocknen.

Der Journalist, der morgen erfolgreich sein will, muss sich klar sein, dass dieser Erfolg ihm höchstens die Lebenskosten zahlen kann. Der Verleger, der morgen erfolgreich sein will, muss sich klar werden, dass er irgendwann seine Druckmaschinen abschalten muss. Beide sitzen im gleichen Boot, der Lotse ist von Bord gegangen, kein Hafen in Sicht. Beste Gelegenheit, sich neu, alles neu zu erfinden. (Terence Lennox, derStandard.at. 20.5.2009)

Share if you care.