Felix Gottwald und der Polsterzipf

17. Mai 2009, 19:50
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Er gibt kein Comeback, sagt Felix Gottwald. Sondern? "Ich sehe das als Neustart." - Öster­reichs erfolgreichster Winter­sportler strebt auf Vancouver 2010 zu

Wien - Felix Gottwald (36) gibt ein Comeback. Diesen Satz hat Felix Gottwald vor kurzem in einer Zeitung gelesen. Und kurz bei sich gedacht: "Ob das wirklich g'scheit ist - in diesem Alter?" Dann fiel ihm sein Geburtsdatum ein, der 13. Jänner 1976, er rechnete nach, und siehe da, es gingen sich nur 33 Lebensjahre aus. Zwei Schlüsse waren zu ziehen. Nicht alles, was Zeitungen berichten, stimmt. Und: "Es ist g'scheit."

Sonntag, 10 Uhr. Außergewöhnlicher Anlass, ungewöhnlicher Termin. Gottwald hatte ins Konferenzzentrum Vista 3 in Wien geladen, er wurde begleitet von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, vom nordischen ÖSV-Direktor Toni Innauer und von Günther Chromecek, der damals sein Trainer war und nun wieder sein Trainer ist. Unter Chromecek war Gottwald Österreichs größter Medaillensammler geworden: zweimal Olympia-Gold, einmal Silber, dreimal Bronze. Weitere Erfolge, sagt er, sind nicht das primäre Ziel. Es gehe ihm bei seinem Comeback, pardon: seiner Rückkehr, "nicht um die Medaillen, sondern um den Weg dorthin".

Gottwald, geboren in Zell/See, wohnhaft in Ramsau und für den SC Saalfelden aktiv, vergleicht sich mit einem "Betriebssystem, das neue Updates kriegt und wieder gestartet wird". In den zwei Jahren seit seinem (ersten) Rücktritt hat er in Salzburg einen Lehrgang für Sportjournalismus belegt, demnächst kriegt er ein Diplom. "Ich weiß jetzt besser, wie ihr gestrickt seid." Er hat eine (erste) Autobiografie geschrieben und für den ORF kommentiert. Der ORF muss sich Ersatz suchen für die am 28. November in Kuusamo anhebende Saison, die in den Winterspielen in Vancouver gipfelt.

Bei der WM in Liberec war Gottwald heuer für den ORF im Einsatz gewesen, da bekam er quasi erste Reihe fußfrei mit, wie der US-Amerikaner Todd Lodwick nach zweijähriger Pause zwei Titel einheimste. Am ersten März fuhr Gottwald "mit dem Gedanken" an den Neustart aus Liberec heim, am zweiten März "war der Gedanke immer noch da". Gottwald begann zu trainieren, es taugte ihm. Er schaute auf einen Kaffee bei seinem Ex-Trainer Chromecek vorbei, fühlte vor, dann sprach er mit Schröcksnadel und Innauer.

Schröcksnadel sagt, er sei nach der "Polsterzipf-Methode" vorgegangen. Er rief also sofort Chromecek an, der zuletzt junge Schweizer Skispringer betreut hatte. Fünf Minuten später war man sich einig. Polsterzipf-Methode? Schröcksnadel: "Du greifst dir einen Polsterzipf, du ziehst und ziehst und ziehst, und irgendwann gehört dir der ganze Polster."

Innauer hatte noch mit dem Norweger Baard Jörgen Elden zu reden, den er nach einer enttäuschenden Saison anstelle von Alexander Diess als Cheftrainer geholt hatte. Elden und Chromecek werden parallel arbeiten, Chromecek soll sich einer kleinen Trainingsgruppe um Gottwald annehmen, die Kombinierer sollen sich "hochschaukeln". Gottwald, der bald seinen ersten Trainingssprung tut, muss sich auch mit den neuen Gegebenheiten im Weltcup zurechtfinden. Es gibt keinen Sprint mehr, nur noch einen einzigen Bewerb, der aus einem Sprung und einem 10-km-Langlauf besteht. "Die Anforderungen sind gleich geblieben", sagt er, "du musst weit springen und schnell laufen können." (Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 18.5. 2009)

 

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    Gottwald verkündete den "Neustart" im Beisein von ÖSV-Präsident Schröcksnadel, der alles unter Dach und Fach gebracht und gesagt hatte: "Irgendwann gehört dir der ganze Polster."

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