Fremdes aus dem Äther: Wer hört sich das an?

17. Mai 2009, 17:23
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Warum fremdsprachiges Radio gehört und geschätzt wird, gezeigt anhand der Sendungen "Viennahu" und "Radio Dersim"

Wer (in Wien) kennt das nicht: Auf der Suche nach etwas Hörbarem scrollt man die Radiostationen des Empfängers hinauf und hinunter und kommt immer wieder bei Radio Orange vorbei. Da schallt einem des Öfteren Türkisches, Kurdisches, Ungarisches oder gänzlich Unbekanntes entgegen und man fragt sich: Hört da eigentlich irgendjemand zu? Und wenn ja, warum? Die Kommunikationswissenschafterin Petra Permesser, selbst Radiomacherin hat sich HörerInnen und MacherInnen ungarischer und kurdischer Radiosendungen systematisch für ihre Diplomarbeit angehört und kann über diese Frage Aufschluss geben.

Vorausschicken müsste man zunächst allerdings, dass Petra Permesser nicht leisten kann, was Radio Orange selbst nicht leistet, nämlich Daten über die Reichweite ermitteln zu lassen. Wozu bräuchte man auch diese Daten? Schließlich gibt es keine Werber, die nach hörendem Publikum zahlen. Die Frage ist also eher, warum gehört wird und nicht wie viel.

Nicht-deutschsprachiges Radio in Österreich

Radio Orange ist nicht der einzige Sender, der nicht-deutschprachiges Radio zulässt. So ist der ORF verpflichtet "angemessene Anteile" in jenen Sprachen zu senden, für die ein Volksgruppen Beirat besteht. Konkret gibt es etwa in Kärnten/Koroška den zweisprachigen Sender Dva-AGORA der in einer Kooperation mit dem ORF entsteht. Oder, da wären diverse kürzere Sendung auf der Mittelwellenfrequenz 1476 von Ö1 und Radio Vorarlberg. Den Löwenanteil an nicht-deutscher Sprache im Radio macht aber wohl FM4 aus, das laut ORF Gesetz zu vorwiegend fremdsprachigen Beiträgen verpflichtet ist. Dass dabei auf Englisch gesendet wird, hat historische Gründe, ist durchaus bequem und vermutlich mit einer höheren potentiellen Reichweite verbunden.

multi.fm: Viennahu und Radio Dersim

Viennahu und Radio Dersim sind zwei sehr unterschiedliche Beispiele für nicht-deutschprachige Sendungen auf Radio Orange. Viennahu wird von und für ungarische MigrantInnen in Wien erstellt und dient vor allem deren Vernetzung. Das kurdische Radio Dersim hingegen befindet sich in einer doppelten Sonderrolle, da das Kurdische aufgrund diverser Verbote auch in der Türkei nicht im Radio zu hören ist. Radio Dersim integriert also im Gegensatz zu Viennahu nicht nur über den Zustand der "Fremde", sondern auch durch den Zustand der Ausgrenzung aus der türkischen Gesellschaft.

Parallelgesellschaft mit Medienghetto?

Integration wird oft mit Bedeutungen von Assimilation unterfüttert. Integriert wären demnach jene, die möglichst akzentfrei deutsch sprechen und sich in einem deutschsprachigen Umfeld bewegen. Dementsprechend ist auch das Gespenst des Medienghettos nicht wünschenswert. Nicht-deutschsprachiges Radio findet aber nicht unbedingt parallel zum deutschsprachigen statt. Im Gegenteil: In den Radiosendungen werden schließlich Wiener Themen besprochen und nicht nur Kurdische oder Ungarische. Außerdem konsumieren die von Permesser befragten HörerInnen auch deutschsprachige Medien.

Aus HörerInnen-Sicht vermittelt das Hören der Muttersprache das Gefühl von Glück und Heimat, selbst wenn die Betroffenen gar nicht in der Türkei oder Ungarn aufgewachsen sind. Interessanterweise spielt im Falle der Orange-Sendungen das Wissen um die Entstehungsbedingungen dabei eine entscheidende Rolle. HörerInnen, denen bewusst ist, dass die Sendungen ehrenamtlich und unter persönlichem Einsatz produziert werden, betonen auch die Wichtigkeit der Nicht-Deutschsprachkeit. Diejenigen, die davon nichts wissen, nehmen die Sendung eher als Angebot eines konkurrenzreichen globalen Medienmenüs wahr.

Kurdisch oder Französisch?

Die Überlegungen Permessers stellen jedenfalls die Aussage des ORF Hörfunkdirektors Willy Mitsche in Frage, der sich keine türkischsprachigen Nachrichten und konsequenterweise auch keine kurdisch- oder ungarischsprachigen Nachrichten im Radio vorstellen kann. Dabei lässt sich doch anzweifeln, dass das Ö1 Morgenjournal auf Französisch von wirklich vielen MuttersprachlerInnen gehört wird.

Die Diplomarbeit "multi.fm. Eine qualitative Analyse der Rezeption nicht-deutschsprachiger Radiosendungen anhand der Fallbeispiele Viennahu und Radio Dersim auf Radio Orange 94.0" ist auf textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen.

Die Autorin

Petra Permesser studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Theaterwissenschaft an der Universität Wien, ist seit 2000 als Radiomacherin bei Radio Orange aktiv und arbeitet hauptberuflich in der Research-Abteilung einer Mediaagentur.

Der Rezensent

Jakob Calice ist Mitarbeiter von textfeld und schreibt als Stipendiat der Leeds Metropolitan University seine Dissertation über alpinen Wellness- und Natur-Tourismus.

 






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