Holmes an der Stella Matutina

15. Mai 2009, 17:29
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Am 22. Mai 2009 jährt sich der Geburtstag von Sir Arthur Conan Doyle, dem geistigen Vater von Sherlock Holmes, zum 150. Mal

Einen Teil seiner Ausbildung verbrachte der junge Conan Doyle am Jesuitengymnasium Stella Matutina in Feldkirch. Eine Spurensuche.

"In der Zwischenzeit hatte er die Person vor sich wahrgenommen und begann sie zu sherlockholmesieren ..." – der Satz entstammt einem Roman, dessen "Schicksal" sich 1915 am Bahnhof Feldkirch entschieden haben soll: Ulysses von James Joyce. Als der Autor sich 1932 abermals in der Montfortstadt aufhielt und gerade an seinemfinalen Werk Finnegans Wakearbeitete, scheint er besondereInspiration im Jesuitenkonvikt Stella Matutina gefunden zu haben – denn mehr als einmal ließ er die Stella aus seinem letzten Roman funkeln.

Im September 1875 entsteigt am Bahnhof Feldkirch ein sechzehnjähriger Junge aus dem schottischen Edinburgh einem Zug, der ihn, über Paris und die Schweiz reisend, hierher gebracht hat. In einem nagelneuen Tweed-Anzug und mit glattgestrichenen Haaren unter einer Schirmmütze begibt er sich mit seinen Siebensachen in das Jesuitengymnasium Stella Matutina.

In den Jahren davor hat er das Jesuitenkolleg im schottischen Stonyhurst besucht und es mit Auszeichnung abgeschlossen. Er ist noch zu jung für ein reguläres Studium an einer Universität. Deshalb hat ihm Rektor Purbrick ein weiteres Jahr bei den Jesuiten empfohlen: "Da gibt es eine großartige Schule in Feldkirch ..." Und nun ist er da. Sein Name: Arthur Ignatius Conan Doyle. Obwohl aus eher bescheidenen Verhältnissen stammend, kann Arthur dank der selbstlosen Unterstützung seiner Mutter Mary Doyle an dieser elitären Schule studieren, die sonst fast nur deutschsprachigen Jungs aus besserem Hause vorbehalten ist. Auch Leo Naphta, eine der Hauptfiguren in Thomas Manns Roman Der Zauberberg, würde sich dereinst als ehemaliger Zögling der Stella Matutina entpuppen.

Sein größter Lapsus

"Die Alpen sind wunderschön, und ich denke, die Stadt ist nett", schreibt er gleich nach der Ankunft an seine Mutter. Was Arthur ihr aber verschweigt: Bereits in der ersten Nacht an der Stella ist er, mit einer Bettschere bewaffnet, im großen Schlafsaal in den Kampf gezogen, um einen schnarchenden Mitschüler unsanft verstummen zu lassen – was ihm am Morgen danach prompt schon eine Lektion in Sachen "freies und lockeres englisches Benehmen" einträgt.

Später würde er das als seinen größten Lapsus in Feldkirch bezeichnen und hinzufügen: "Hier waren die Bedingungen viel humaner, und ich begegnete weit mehr Menschenliebe als in Stonyhurst, mit dem sofortigen Ergebnis, dass ich aufhörte, ein nachtragender junger Rebell zu sein und zu einem Hüter von Recht und Ordnung wurde." Damit war die Saat gelegt für seinen späteren fiktiven Hüter von Recht und Ordnung in kriminalistischen Dingen, den Meisterdetektiv Sherlock Holmes.

Aber nun ist er in Feldkirch, um sein Deutsch zu perfektionieren und akademisch heranzureifen. Später erinnert er sich: "Ich machte weniger Fortschritte in Deutsch als ich sollte, denn es gab da auch noch etwa zwanzig englische und irische Jungs, welche natürlich die Wünsche ihrer Eltern hintertrieben, indem sie sich zusammenrotteten." Allzu schlimm kann es nicht gewesen sein, schrieb er doch im März 1876 an seine Mutter: "Mit dem Deutsch geht es gut voran (...) und ich habe eine solche Redegewandtheit erlangt, dass ich zweimal die Woche, wenn wir unsere Spaziergänge haben, mit zwei Deutschen während dreier Stunden eine ununterbrochene Konversation führen kann; denn bei einem Spaziergang gehen wir in Dreierreihen nebeneinander, und ein Engländer muss immer zwei Deutsche begleiten."

Arthur nimmt sein Dasein als einziger Ausländer der Vorbereitungsklasse offenbar mit Humor, wenn er etwa über seine Lateinstunden berichtet: "Unser guter Magister ermuntert mich jeden Tag, den armen Cicero zu zerstümmeln und ihn in schlechtes Deutsch zu übersetzen, unter dem Grinsen der Eingeborenen."

Immerhin verbinden ihn mit den "aborigines", so geht aus seinen Briefen hervor, viele fröhliche Stunden, auch feuchtfröhliche. Begeistert berichtet er von seinen sportlichen Aktivitäten in Feldkirch wie Schlittschuhlaufen, Rodeln, Wandern, Fußball (damals ein Novum in Österreich) und von einem bei den Zöglingen sehr beliebten Spiel namens Stelzen-Fußball. An der Stella spielte man es damals vor allem aus Platzmangel.

Wiederholt beschreibt Arthur in seinen Briefen nach Hause fasziniert die herrlichen Berge und Sehenswürdigkeiten rund um Feldkirch: Schattenburg, Stella Matutina, Stadtschrofen und die Ill (welch "krankes" Wort für einen Engländer). Besonders angetan scheint er auch vom sagenumwobenen Fridolin-Stein in der Basilika Rankweil zu sein, dem felsigen Betstuhl des heiligen Fridolin. "Den größten Fortschritt erzielt man auf Knien" , sollte er über vierzig Jahre später als eine zentrale Erkenntnis seines Lebens zu Protokoll geben – es mag ein Zufall sein.

Andreas-Hofer-Lied

Arthur lobt das gute Essen an der Stella und das "deutsche Leichtbier anstelle der entsetzlichen Keulen in Stonyhurst". Geradezu ins Schwärmen gerät er, wenn er von der schuleigenen Blaskapelle erzählt, in der er das Bombardon oder "Bombenhorn" spielen darf, eine heute als Helikon bekannte Riesentuba, deren Aussehen an ein Bombenrohr gemahnt: "Das Bombenhorn kommt nur an bei einem angemessenen Rhythmus mit einem gelegentlichen Ausstoß, der tönt wie ein Nilpferd bei einem Stepptanz."

Er erzählt von allerhand Schabernack mit dem Bombenhorn, so etwa von der leichten Verwirrung, die er immer wieder bei Fuhrwerks-Ochsen auslöst, wenn er ihnen beim Vorübergehen direkt ins Ohr "schränzt". Erstaunlich offen schreibt Arthur seinen Eltern von den vierzehntäglichen Ausflügen zum Landsitz "Garina" der Stella, angeführt durch fliegende Banner und die Blaskapelle, bei denen regelmäßig ziemlich viel getrunken und gesungen wird.

Besonders ans Herz gewachsen ist ihm das Andreas-Hofer-Lied: "Es hat eine wunderschön traurige Melodie und schildert den Tod des mutigen alten Burschen; ich glaube nicht, dass ich jemals so zufrieden war, wie als ich es hörte, und ich singe es seither immerfort."

"Die Parabel habe ich besiegt, aber die Ellipse ist ein schrecklicher Gesell" , schreibt Arthur im Mai 1876 nach Hause über seinen Feldkircher Kampf mit den zum Verzweifeln trotzigen Kegelschnitten und allgemein mit der Mathematik. Dabei fällt auf, dass einer der berüchtigtsten Bösewichte der Literatur, James Moriarty, Erzfeind von Sherlock Holmes und "Napoleon des Verbrechens", dereinst ausgerechnet ein Mathematiklehrer sein würde.

Arthur gibt an der Stella eine Schulzeitung namens The Feldkirchian Gazette heraus, mit dem Untertitel: "Wissenschaftliches und literarisches Monatsmagazin, herausgegeben von Arthur C. Doyle" . In der zweiten Ausgabe vom November 1875 veröffentlicht er unter anderem vier eigene Gedichte mit den Überschriften "A Football Match", "Feldkirchian Notes" , "The Song of the Bombardier" und "The Roundabout Papers" . Diese und andere seiner Gedichte sendet Arthur an seinen "Gottvater" , Großonkel Michael Conan in Paris, der sein großes schriftstellerisches Talent würdigt und in Briefen von Conan Doyles "Feldkirch Newspaper" schreibt. Dieser Umstand dürfte dazu geführt haben, dass seit heute mehr als dreißig Jahre beharrlich die Legende kolportiert wird, Conan Doyle hätte in seiner Zeit an der Stella Kurzgeschichten für den Feldkircher Anzeiger geschrieben. Vor allem die Erzählung "Ein schlauer Betrüger" (1. Teil erschienen im Feldkircher Anzeiger vom 23. 11. 1875) wurde dabei immer wieder als Paradebeispiel genannt, weil sie "unverkennbar seine Handschrift" trüge.

Nun hat aber der Doyle-Forscher Michael Ross vor kurzem herausgefunden, dass jedenfalls diese Geschichte unmöglich von Conan Doyle sein kann, weil sie bereits einmal 1837 in einem Prager Unterhaltungsblatt veröffentlicht wurde.

Immerhin darf gesagt sein, dass die in Conan Doyles Feldkircher Schulzeitung veröffentlichten Gedichte sicher zu seinen ersten eigenen literarischen Publikationen gehören. Zudem lernte er in Feldkirch ein Buch kennen, das ihn "nicht nur beeindruckte, sondern elektrisierte" und das seine späteren literarischen Neigungen entscheidend formte: Tales of Mystery and Imagination von Edgar Allan Poe – einem der Urväter der Kriminalliteratur. Biograf John Dickson Carr brachte es auf den Punkt, als er beschrieb, wie Conan Doyle nach seinem Abschied von Feldkirch im Juni 1876 in seiner nächsten Station eintraf: "So erreichte er Paris mit einem Buch über Kegelschnitte in seiner Hand, Edgar Allan Poe in seinem Kopf und zwei Pence in seiner Tasche."

The Song of the Bombardier
There is an instrument whose power
Does all others far surpass
Far o'er the rest one sees him tower
A mighty instrument of brass

The soundest sleeper, far or near,
I think would scarcely slumber on,
If close to his unconscious ear
You played upon the Bombardon.

Arthur Conan Doyle
November 1875 in Feldkirch

(Philipp Schöbi, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 16./17.05.2009)

Literaturtipp:
Daniel Statshower, "Sir Arthur Conan Doyle - Das Leben des Vaters von Sherlock Holmes" . Erste deutschsprachige Biografie über Conan Doyle, aus dem Englischen von Michael Ross und Klaus-Peter Walter. € 38,- / 512 Seiten. Baskerville Bücher, München 2008

Zur Person:
Philipp Schöbi ist promovierter Mathematiker und Mitbegründer der seit 1994 jährlich stattfindenden Feldkircher Literaturtage.

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    Feldkircher Abneigung gegen Kegelschnitte: Arthur Conan Doyle.

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