"Je mehr der Staat eingreift, desto länger dauert die Krise"

14. Mai 2009, 22:22
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Wirtschaftsnobelpreisträger Myron Scholes hält im Interview die Pläne für eine strengere Finanzregulierung und die Bankenrettungen in den USA für verfehlt

Eric Frey sprach mit ihm.

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STANDARD: Ihr Name ist mit der genauen Berechnung von Risiko verbunden, und dies hat in der Finanzkrise versagt. Muss man nun alle Risikomodelle in Zweifel ziehen?

Scholes: Nein, wir müssen uns noch mehr bemühen, Risiko richtig zu berechnen. Die Ratingagenturen etwa haben in ihren Modellen angenommen, dass Häuserpreise niemals fallen und Insolvenzen immer nur Einzelfälle sind. Das war offensichtlich falsch. Hier hat nicht das Risikomodell versagt, sondern die Anwendung. Wenn einer ein Auto bei 200 km/h nicht beherrsche, dann ist es die Schuld des Fahrers, nicht des Wagens.

STANDARD: Aber die Banken hätten das wissen können, statt sich auf die Ratingagenturen zu verlassen.

Scholes: Da gab es viel Hausverstand, der nicht eingesetzt wurde.

STANDARD: Ist die Antwort darauf eine strengere Regulierung?

Scholes: Ist ein Regulator klüger als ein Banker? Er wird schlechter bezahlt und ist schlechter informiert. Die Anreize der Banken müssen verändert werden. Sie brauchen mehr Kapital und weniger Staatsgarantien. Wenn die Halter von Anleihen geschützt werden, dann agieren sie unvorsichtiger. Und das ist gefährlich. Ich sehe nicht, wie das eine Finanzaufsicht erreichen kann.

STANDARD: Was wird die Folge der Rettungsaktionen sein?

Scholes: Es wird mehr Staatskontrolle der Banken geben so wie vor den siebziger Jahren, weniger Wettbewerb und Innovation.

STANDARD: Ist das so schlecht?

Scholes: Wenn man die Banken bestrafen will, dann ist es gut, aber es ist nicht der beste Weg für Gesellschaft und Wirtschaft.

STANDARD: Aber haben sich nicht gerade Finanzinnovationen als gefährlich erwiesen? Der berühmte Investor Warren Buffett sprach von "Massenvernichtungswaffen" .

Scholes: Er hat das nicht so gesagt. Er sagte, Derivative sind Massenvernichtungswaffen, wenn sie falsch verwendet werden. Buffett selbst setzt Derivative ein. Sind seine gut und die anderen böse? Das ergibt keinen Sinn. Wenn etwas missbraucht wird, heißt es nicht, dass es an sich schlecht ist.

STANDARD: Buffett hat besonders von Credit Default Swaps gewarnt.

Scholes: CDS bieten Vorteile, ihr Preis sagt etwas über das Risiko aus. Wenn sie effizient eingesetzt werden, dann werden Investoren vorsichtiger. Aber es gibt Verbesserungsbedarf. CDS sollen leichter zu verkaufen sein und sie sollten transparenter werden, etwa über eine elektronische Börse.

STANDARD: Was halten sie von den Plänen der G-20-Staaten zur Regulierung der Finanzmärkte?.

Scholes: Die G-20 wollen nicht die Märkte regulieren, sondern die Institutionen. Dann aber verschieben sich die Aktivitäten in den Untergrund und zu kleineren Firmen. Das ist schlecht für die Gesellschaft. Es wird nie möglich sein, alles und jeden zu regulieren.

STANDARD: Das andere Problem sind die giftigen Papiere in den großen Banken. Tut US-Finanzminister Timothy Geithner hier das Richtige?

Scholes: Sein Bankenplan wird nicht funktionieren. Das ginge nur, wenn es eine Liquiditätskrise wäre. Dann könnte man große Fonds ermutigen, die Papiere zu kaufen und die Preise hinaufzutreiben. Aber wir haben ein Bewertungsproblem. Um das zu lösen, brauchen die Banken mehr Kapital. Man sollte nicht versuchen, die giftigen Papiere zu verkaufen, sondern sie als "sunk cost" zu behandeln und über einen längeren Zeitraum abzuschreiben - mit einem Bank-Bad-Modell.

STANDARD: Und warum passiert das nicht in den USA?

Scholes: Dafür müsste Geithner zum Kongress gehen und um neues Geld bitten, und das ist politisch nicht möglich. Jetzt läuft alles über die Federal Reserve, und die wird vom Kongress nicht kontrolliert. Sie hat das Privileg, dass sie Geld drucken kann. Das kann zu hoher Inflation führen und die Regierung für lange Zeit im Bankensektor verstricken. Das verunsichert wiederum die Investoren. Je mehr der Staat eingreift, desto länger wird die Krise dauern. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.5.2009)

Zur Person

Der US-kanadische Ökonom Myron Scholes (67), langjähriger Professor an der Stanford University, ist einer der Väter der Black-Scholes-Formel zur präzisen Berechnung von Optionspreisen. 1997 erhielt er den Wirtschaftsnobelpreis, ein Jahr später ging der von ihm mitgegründete riesige Hedgefonds LTCM pleite. Scholes betreibt heute wieder einen Hedgefonds.

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    Foto: Reuters/Prouser

    Myron Scholes: "Es wird nie möglich sein, alles und jeden zu regulieren."

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