Die leise Zärtlichkeit des Breakdance

12. Mai 2009, 17:23
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Zwischenmenschliche Grenzen lotet der ehemalige Straßentänzer Bruno Beltrão aus - Im Stück "H3" nähern sich seine HipHopper dem assoziativen Theater

Wien - Von einer "Neuerfindung des Breakdance" war die Rede, als Bruno Beltrão 2005 mit H2 (in der Bedeutung schlicht: "HipHop") erstmals bei den Festwochen gastierte. Seine Folgearbeit heißt nun H3 und verweist nur noch in Zitaten auf ihre HipHop-Wurzeln. Der heute 29-jährige Beltrão war selbst Straßentänzer in Niteroi, der Arbeitervorstadt von Rio de Janeiro, ehe er seine Grupo de Rua gründete, mit der er, seit einigen Jahren vonseiten internationaler Tanzfestivals aufmerksam beobachtet, an einer Umschreibung des Breakdance-Regelwerks für theatrale Erzählzwecke arbeitet.

In H3, das am Montag Premiere in der Halle G des Museumsquartiers hatte, lösen sich seine neun Tänzer langsam aus den dunklen Schatten der Bühne. Die Brandung vorbeibrausender Autos suggeriert die Nähe zum Straßenverkehr. Doch die jungen Männer, die mit schlenkernden Armen wie Kämpfer in den Ring traben, haben schon einen Erzählraum in einer anderen Sphäre betreten: Beltrãos Tänzer lassen die Realität der Straße, der unerbittlichen Auseinandersetzungen und Behauptungsrituale weit hinter sich.

In ihrer knapp einstündigen Performance brechen sie nicht nur die exakt codierten Regeln der HipHop-Battles auf, sie erkunden sachte tastend die Grenzen zwischenmenschlicher Konformitäten und nicht zuletzt die Belastbarkeit ihrer Beziehungen untereinander. Im traditionell eher klischeehaft harten, männlichen Breakdance-Milieu bedeutet das bei Beltrão auch eine Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten für Sensibilität und Zärtlichkeit.

Der rasante Tanz der neun Protagonisten fokussiert zunächst auf Kampfposen und Machtdemonstrationen. In intimen Duellen verändert sich das Temperament der Moves: Zarte Handgelenke legen sich sanft auf die Hüfte des Gegners, ein Kopf sinkt wie aus Versehen auf die Schulter des anderen - die Faust bleibt dabei aber immer geballt, ein schneller, zuckender Angriff macht die wie unabsichtlich geschehene Annäherung wieder wett und wie ein Vogelschwarm wirbeln die Tänzer im Kreis, um dann kraftvoll auseinanderzustreben.

Eine faszinierende, sinnliche, leise Identitätssuche. Anstelle krachender Beats ist nur das schwitzende Quietschen der Sneakers auf dem Bühnenboden zu hören. (Isabella Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 13.05.2009)

13. und 14. 5., 20.30 Uhr, Halle G

  • Kämpfer, Straßentänzer:Bruno Beltrãos Grupo de Rua bei den Wiener Festwochen.
    foto: scumeck

    Kämpfer, Straßentänzer:Bruno Beltrãos Grupo de Rua bei den Wiener Festwochen.

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