Blanchard: "Werde nicht die Kabinen kehren"

17. Mai 2009, 21:34
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Der Franzose wird kommende Saison nicht mehr für die Austria spielen, trotz der Enttäuschung bleibt der Verein sein erster Ansprech­partner in Sachen Zukunftsplanung

derStandard.at: Überrascht Sie die Entscheidung der Austria Wien, Ihnen keinen weiteren Vertrag als Spieler anzubieten? Gab es zuvor bereits Signale in diese Richtung?

Jocelyn Blanchard: Ja, ich bin überrascht. Im Februar wurde erstmals mit mir gesprochen, man hat sich nach meinem Befinden erkundigt und mich gefragt, ob ich mir noch eine Saison als Spieler bei der Austria vorstellen könnte. Ich fühlte mich gut und hielt ein weiteres Jahr für möglich. Man wollte Ende März noch mal mit mir sprechen, als es dazu aber nicht kam, dachte ich mir bereits, dass es Zweifel seitens des Vereins gibt. Am Montag wurde mir schließlich mitgeteilt, dass nicht mehr mit mir als Spieler geplant wird.

derStandard.at: Sind Sie vom Verhalten des Vereins enttäuscht?

Jocelyn Blanchard: Ich bin enttäuscht, kenne aber die Mechanismen im Fußball. Trotzdem ist es schwierig, eine solche Entscheidung zu akzeptieren, wenn man sich technisch und körperlich noch auf der Höhe fühlt.

derStandard.at: Nun gibt es aber doch Kritiker, die bei Ihnen in den letzten zwei Jahren einen Leistungsabfall orten wollen...

Jocelyn Blanchard: Ich bin sicher nicht mehr derselbe Spieler wie vor einigen Jahren. Aber ich war sechs Jahre bei der Austria, habe unter allen Trainern immer gespielt und niemals eine Beschwerde gehört. Wenn man jetzt meint, ich hätte nicht mehr das Niveau, mache ich Platz, keine Sorge. Wenn mich die Leute aber für 32 halten würden, wären die Kommentare vielleicht nicht dieselben...

derStandard.at: Wissen Sie, wer sich im Verein gegen Ihren Verbleib ausgesprochen hat?

Jocelyn Blanchard: Ich weiß es nicht, gehe aber davon aus, dass in diesem Fall von Trainer Daxbacher bis Präsident Katzian alle involviert waren. Es handelt sich ja doch um eine wichtige Entscheidung.

derStandard.at: Es wird von einer notwendigen Verjüngung der Mannschaft gesprochen. Könnten auch finanzielle Aspekte den Ausschlag gegeben haben?

Jocelyn Blanchard: Nein, ich denke eigentlich nicht, dass es um Geld ging. Eine Verjüngung kann sinnvoll sein, aber auch ältere Spieler können der Mannschaft weiterhelfen. Solange ein Spieler seine Leistung bringt, sollte man nicht auf sein Alter oder seine Nationalität schauen. Vielleicht kann ich keine 50 Spiele mehr pro Saison absolvieren, für 25 hätte es aber noch gereicht.

derStandard.at: Sehen Sie einen Spieler bei der Austria der künftig ihre Rolle einnehmen kann?

Jocelyn Blanchard: Niemand ist unersetzlich, jeder kann meinen Platz einnehmen. Es geht aber nicht nur um die Qualität auf dem Platz, sondern auch um das Leben in der Kabine, das Leben im Verein, den Alltag. Es gibt schwierige Momente im Fußball und es braucht Menschen, die mit diesen Situationen umgehen können.

derStandard.at: Der Verein will Sie offensichtlich in einer anderen Funktion sehen. Ist das momentan für Sie vorstellbar?

Jocelyn Blanchard: Man hat mir quasi einen Freifahrtschein ausgestellt und überlässt mir die Wahl, was ich künftig im Verein tun möchte. Das ist natürlich interessant und ehrt mich, aber es ist mir zu wenig. Ich möchte von ganz konkreten Projekten und Zielen des Vereins hören. Ich werde keine Tickets im Stadion verkaufen, nicht den Bus chauffieren und auch nicht die Kabinen kehren.

derStandard.at: In der Akademie könnte es doch interessante Aufgaben geben?

Jocelyn Blanchard: Wie gesagt: ich erhoffe mir konkrete Vorstellungen seitens des Vereins, darauf warte ich nun. Es gibt bei der Austria sicher reizvolle und herausfordernde Aufgaben, auch wenn ich momentan noch Lust hätte, Fußball zu spielen.

derStandard.at: Können Sie sich einen Wechsel zu einem anderen Bundesliga-Verein vorstellen? Wurden Sie bereits kontaktiert?

Jocelyn Blanchard: Ja, die Nachrichten machen schnell die Runde. Ich werde sicher nicht alles machen, meine erste Priorität bleibt natürlich die Austria. Aber vielleicht gewinnt die Lust am Fußball ein letztes Mal über die Vernunft. (Philip Bauer; derStandard.at; 12. Mai 2009)

 

Zur Person

Vor seinem Wechsel zur Austria 2003 hatte der 36-Jährige Franzose den Großteil seiner Karriere beim FC Metz und RC Lens verbracht. Dazwischen war der zweikampfstarke Mittelfeldspieler eine Saison bei Juventus Turin engagiert (1998/99). In Österreich wurde er 2006 zum besten Spieler der Liga gewählt. Blanchard hatte die Wiener Austria unter anderem 2006 zum Meistertitel und zu drei Cupsiegen in Folge (2005, 2006, 2007) geführt.

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    Jocelyn Blanchard sieht es trocken: "Jeder kann meinen Platz einnehmen".

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