Der Ressourcen-Rucksack

    11. Mai 2009, 18:25
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    Unter dem Gesichtspunkt der Ressourcenentnahme kann ein sieben Kilogramm schwerer Lebensmittel-Einkauf durchaus 50 Kilogramm "wiegen"

    Der jährliche Ressourcen-Rucksack eines Europäers beträgt heute im Durchschnitt ca. 40 Tonnen pro Kopf und Jahr - oder 120 Kilogramm pro Tag. Für Österreich liegen noch keine exakten Zahlen vor - unser Rucksack liegt aber vermutlich noch höher.

    Nachhaltig wäre - so sagen Wissenschafter - ein Ressourcenverbrauch von etwa sechs Tonnen pro Jahr oder 15 Kilo pro Tag. Ein durchschnittlicher Afrikaner mit einem Durchschnittseinkommen von zwei Dollar pro Tag kommt auf fünf Kilo pro Tag oder auf 1,8 Tonnen pro Jahr - also ein Drittel des "nachhaltigen" Wertes.

    Wie kommt man zu diesen Zahlen? Seit einigen Jahren erheben wir am SERI, wie viel Material (Ressourcen wie Erze oder Öl, Getreide oder Holz) weltweit der Natur entnommen wird, um alle Dinge zu produzieren, die weltweit konsumiert werden. Oft wird dabei noch viel mehr Material wie z. B. Gestein oder Erde, aber auch Pflanzen und Tiere "in Anspruch genommen", als letztlich im Produktionsprozess verwendet wird. Diese ungenutzten Ressourcen sind Abfall, beeinträchtigen aber die Ökosysteme ebenso. Solche Zahlen sind im Internet unter www.materialflows.net umfassend dokumentiert. 

    2.000 Empire State-Buildings

    Mit einigem mathematischen Aufwand lassen sich unter bestimmten Annahmen diese Zahlen auf die Länder umrechnen, in denen die Produkte und Dienstleistungen, die aus den Ressourcen hergestellt werden, letztlich konsumiert werden. Als "ökologischen Rucksack" bezeichnen wir also den gesamten Ressourcenverbrauch eines Menschen, aber auch eines einzelnen Produkts oder einer Dienstleistung.

    Der jährliche Rucksack aller ÖsterreicherInnen zusammen beträgt mindestens 160 Millionen Tonnen pro Jahr und entspricht (wenn wir vom europäischen Durschnitt ausgehen) dem Gewicht von 2.000 Empire State-Buildings. Das sind fünf jeden Tag, die für uns gebaggert und geerntet werden.

    (Das ist der beste Vergleich, der uns bisher eingefallen ist. Fallen Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, bessere Vergleiche ein? Bitte schreiben Sie uns - wir werden sie gerne auf der SERI-Seite veröffentlichen!)

    Die Umrechnungen auf die einzelne KonsumentIn sind noch recht grob und werden in europäischen, aber auch österreichischen Forschungsprojekten und Statistiken permanent verbessert. Die Abbildung links zeigt noch einmal die Größenverhältnisse.

    Während wir in Europa heute etwa das Achtfache verbrauchen, muss die Mehrheit der Weltbevölkerung mit deutlich weniger auskommen - nicht weil sie so nachhaltig leben würden, sondern, weil sie arm sind und gar nicht mehr verbrauchen können.

    Ein paar Beispiele, die das Zustandekommen des "ökologischen Rucksacks" erläutern:

    Ein Auto mit 1,6 Tonnen Gewicht kommt derzeit auf ca. 70 Tonnen Rucksack, eine CD auf 1,6 Kilogramm - aber auch der Download hat über den Energieverbrauchs des eigenen Computers wie auch des Internets einen erheblichen Rucksack.

    In diesen Zahlen enthalten sind immer die Ressourcenentnahme, der Transport, die Verpackung und auch der Energieverbrauch beim Gebrauch der Produkte. Eine konventionelle Glühbirne kommt so auf etwa 70 Kilogramm pro Jahr, eine Energiesparlampe hingegen auf weniger als 15 Kilo. Eine Flasche Mineralwasser (PET, Recycling) bringt es auf immerhin 30 dag. Wenn wir heute im Supermarkt für 20 Euro einkaufen und sieben Kilogramm Lebensmittel nachhause tragen, beträgt der "ökologische Rucksack" gut und gerne 50 Kilogramm.

    Weltweit wird etwa ein Wert von 30 Cent aus einem Kilogramm bewegter Natur geschöpft. Man kann dies als die globale Ressourcenproduktivität bezeichnen. Umgekehrt gesprochen wird im Durchschnitt 3,5 Kilogramm Natur bewegt, um einen Euro zu erwirtschaften, zu verdienen oder den Gegenwert zu konsumieren, was auch als Ressourcenintensität bezeichnet wird.

    Unser ökologischer Rucksack ist viel zu hoch und die Ressourceneffizienz muss viel besser werden. Nach Jahren der Steigerung ist in Österreich seit 2000 eine stagnierende Ressourcenproduktivität (Ressourceneffizienz) zu verzeichnen. Der absolute Ressourcenverbrauch nimmt sogar zu. In Österreich ist allein in diesem Jahrzehnt - anders als im Rest der EU - der Ressourcenverbrauch um etwa 10 Prozent gestiegen. Weitere Maßnahmen sind daher erforderlich, um die Ressourceneffizienz zu erhöhen und diesen Trends zu begegnen.

    "Ressourceneffizienz-Aktionsplan"

    Im Rahmen der Weiterentwicklung der österreichischen Nachhaltigkeitsstrategie wird vom Lebensministerium derzeit der nationale "Ressourceneffizienz-Aktionsplan" erarbeitet, der zu einer deutlichen Verbesserung der österreichischen Ressourcenproduktivität und zur Verringerung des ökologischen Rucksacks führen soll.

    Ein solcher nationaler Aktionsplan zur drastischen Verbesserung der Ressourceneffizienz muss sich um die in der Wirtschaft verwendeten Technologien ebenso kümmern wie um die Möglichkeiten für einen nachhaltigen Konsum. Es geht um ein nachhaltiges Energiesystem ebenso wie um einen wesentlich veränderten Verkehr. Dies kann nur gelingen, wenn die entscheidenden Akteure aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an einem Tisch zusammen kommen und an einem Strang ziehen.

    Die Größenordnung des zu Erreichenden ergibt sich aus den oben dargestellten Zahlen: nicht von heute auf morgen, aber innerhalb der nächsten 20 bis 30 Jahre müsste der Ressourcenverbrauch in Österreich auf etwa ein Viertel des heutigen Ausmaßes herunter geschraubt werden. Ein Faktor 4 dient dabei aber nur als Richtschnur und es müssen Detailziele z. B. für einzelne Bereiche spezifisch formuliert werden. 

    Pläne und Ziele

    Diese Ideen sind keineswegs neu und wurden ganz ähnlich bereits vor über 15 Jahren im nationalen Umweltplan Österreichs formuliert. Auch in anderen Ländern und in der EU gibt es zahlreiche Dokumente und Initiativen, die in eine ähnliche Richtung gehen, (de facto aber deutlich weniger ambitioniert sind). Und ein umsetzbarer Plan zur Erreichung solch ambitionierter Ziele fehlt bisher ganz.

    Erreicht werden muss eine ökologische Schlankheitskur ohne gleichzeitige Einschränkungen unserer Lebensqualität. Spannend ist dabei, dass immer mehr Menschen einer solchen Entwicklung durchaus aufgeschlossen gegenüber stehen. Sie wünschen sich ein gutes Leben mit weniger Stress, mehr Freizeit bei einem guten Einkommen - aber nicht notwendigerweise immer mehr, was schließlich den Ressourcenverbrauch weiter anheizen würde. Aus all dem ergibt sich auch ein erheblicher Forschungsbedarf.

    Seit Jahren kümmert sich etwa das Impulsprogramm "nachhaltig Wirtschaften" des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) um einschlägige Fragen und kann bereits eine Reihe interessanter Pilotprojekte vorzeigen, die Wettbewerbsvorteile von innovativen Technologien im Sinne der Ressourceneffizienz demonstrieren. Zu wenig untersucht sind aber nachwievor die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die die gewünschte Entwicklung behindern oder fördern könnten. 

    Nachhaltigkeit in Zeiten der Wirtschaftskrise

    Positiv zu erwähnen ist die scheinbare Konjuktur des Themas trotz der derzeit wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Eine Arbeitsgruppe großer österreichischer Unternehmen (von Baumax bis Rewe, von Danone bis Vöslauer) bearbeitet z.B. seit einiger Zeit intensiv die Frage, wie Produkte mit entsprechenden Rucksackwerten ausgezeichnet werden könnten. Der Handelsriese SPAR durchleuchtet seine Unternehmensbereiche (von der Verpackung über die Logistik bis hin zum Bau neuer Supermärkte) auf ökologische Einsparpotenziale. Banken fragen sich nach ihrem möglichen Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Schlankheitskur. So unterschiedliche Unternehmen wie die Lenzing AG, Rhomberg Bau und Grüne Erde beteiligen sich an einschlägigen Forschungsprojekten zur Ermittlung von Ressourceneffizienz-Faktoren für ihre Produkte und Dienstleistungen.

    Im September 2009 findet in Davos erstmals das "World Resources Forum" statt, bei dem Ansätze dieser Art im globalen Maßstab disktutiert werden und konkrete Ziele für die Weltwirtschaft formuliert werden sollen. Es tut sich also einiges zum Thema der Ressourcen-Rucksäcke, aber letztlich braucht es auch entsprechende wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, etwa im Rahmen einer umfassenden Steuerreform, die den Produktionsfaktor Arbeit im Vergleich zum Ressourcenverbrauch entlasten würde.

    Als Unterstützung des österreichischen Dialogs für eine ökologische Verschlankung lädt Nachhaltigkeit.at Leserinnen und Leser ein, zu diesem Thema Stellung zu nehmen (Email-Adresse: nachhaltigkeitsportal@lebensministerium.at).

    • Halten Sie eine dramatische Reduktion des Ressourcenverbrauchs und Verbesserung der Ressourceneffizienz der österreichischen Wirtschaft und Gesellschaft für möglich?

    •Was können bzw. möchten Sie dazu beitragen?

    •Welche Unterstützung anderer Akteure brauchen Sie dazu? 

    "Der Ressourcenrucksack - ein ökologisches Übergewicht" ist Thema des Monats Mai 2009 im Internetportal Nachhaltigkeit.at

    Der Autor Fritz Hinterberger ist wissenschaftlicher Geschäftsführer am SERI.

    • Erklärung zur Grafik: Zufrieden ist nur die mittlere Person mit einem ökologischen Rucksack von 15 kg/Tag oder 6 Tonnen/Jahr.
      illustration: seri

      Erklärung zur Grafik: Zufrieden ist nur die mittlere Person mit einem ökologischen Rucksack von 15 kg/Tag oder 6 Tonnen/Jahr.

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