"Emissionshandel ist unproduktiv"

7. Mai 2009, 18:01
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Vorreiter Scheer erklärt warum alte Erfindungen wiederentdeckt, Welt­klimakonferenzen über- und Pflan­zen­energie unterschätzt werden

Standard: Kommenden Montag sind Sie in Wien bei den "ERDgesprächen". Worüber werden Sie reden?

Scheer: Über die drei gegenwärtigen Weltkrisen. Es wäre fatal, wenn man die Finanzkrise jetzt angeht ohne Rücksicht darauf, dass wir es gleichzeitig mit der Ressourcenkrise und der Klimakrise zu tun haben, die ja auch wirtschaftliche Krisen sind. Also müssen die realwirtschaftlichen Antworten vorwiegend bei solchen Investitionen liegen, die helfen, die Ressourcenkrise und die Klimakrise zu überwinden. Es macht die Sache leichter, dass sowohl die Ressourcen- als auch die Klimakrise durch die selbe Maßnahme überwunden werden können, nämlich durch den Wechsel von nichterneuerbaren und gleichzeitig umwelt- und klimaschädlichen Ressourcen zu erneuerbaren Ressourcen.

Standard: US-Thinktanks nennen das "Green Recovery", oder?

Scheer: Wer das Konzept unter allen Regierungschefs am besten verstanden hat, ist der neue US-Präsident. Das zeigen seine Reden.

Standard: Mit Obama verknüpfen sich Hoffnungen auf einen Durchbruch bei der Weltklimakonferenz im Dezember in Kopenhagen. Teilen Sie die?

Scheer: Weltklimakonferenzen tragen drei Probleme mit sich herum: Erstens gehen sie von der falschen Prämisse aus, dass Initiativen zum Klimaschutz, egal welche, automatisch eine wirtschaftliche Belastung seien. Damit beginnt automatisch das Gefeilsche um die Lastenverteilung. Zweitens kann man sich aufgrund der Konsensbildung zwangsläufig immer nur auf einen Minimalkompromiss verständigen, der unter dem tatsächlich Gebotenen liegt. Mit der Verteilung von Emissionszertifikaten wird die Minimalverpflichtung zur Obergrenze und ein Motiv, nicht mehr zu tun. Ich bin der festen Überzeugung und kann auch belegen, dass der Emissionshandel unter allen Instrumenten das unproduktivste und teuerste ist. Jede ökologisch ausgerichtete Energiebesteuerung ist effektiver, weniger bürokratisch, gerechter. Drittens wecken Klimakonferenzen den Eindruck, als wäre das einzige Problem der Weltenergieversorgung die Kohlendioxidemission. Ist es nicht.

Standard:
Weil Öl, Gas, Kohle und Uran zur Neige gehen.

Scheer: Genau. Politik ist für mich die Kunst des Zusammenhangs. Weltwirtschaft und Volkswirtschaften haben sich derartig abhängig von nichterneuerbaren und sich deshalb rapid erschöpfenden Ressourcen gemacht. Wie sich jetzt auch am massiv steigenden Ressourcenbedarf Indiens und Chinas zeigt, ist dies keine sektorale Frage, sondern berührt die Gesamtheit des Wirtschaftens. Darum ist der Wechsel zu erneuerbaren Energien für mich eine Schlüsselfrage des 21.Jahrhunderts.

Standard: Was hatten Sie eigentlich kürzlich bei einem Brüsseler Treffen der Biodiesellobby verloren? Ist diese Branche wegen des Landverbrauchs, der auch Nahrungsmittelanbau verdrängt, nicht zu Recht in der Kritik?

Scheer:
Egal, ob Sie Energie-, Rohstoff- oder Nahrungsmittelpflanzen anbauen, können Sie dabei intelligentere und oft viel ökonomischere Wege gehen. Das beginnt mit der Verwertung landwirtschaftlicher Reststoffe und organischer Abfälle. Bei vielen Nahrungsfrüchten verbrauchen sie gerade mal fünf oder zehn Prozent der Pflanze. Im Rest steckt ein enormes energetisches Potenzial. Nach der Biokraftstofferzeugung können Sie anfallenden Reststoffe wieder in die Landwirtschaft zurückführen: als Düngemittel oder als Futtermittel. Zu solchen Produktionskreisläufen zu kommen ist ein wichtiges Ziel. Noch kaum genutzt werden Aquapflanzen. Nehmen Sie den Victoriasee, der durch einen Wildwuchs an Wasserhyazinthen gefährdet ist. Pro Hektar kriegen Sie bis zu vierhundert Tonnen Hyazinthen. Würde das energetisch verwertet, wäre das ein ökonomischer Segen. Länder wie Kenia könnten auf den Import von Erdöl verzichten, der sie in manchen Jahren mehr kostet als die Exporterträge der gesamten kenianischen Wirtschaft.

Standard: Wie wird die Geschichtsschreibung auf das späte 20. und frühe 21. Jahrhundert zurückschauen, als die Entwicklung erneuerbarer Energien mühsam voranging?

Scheer: Im 19. Jahrhundert war die Situation offener für technologische Neuerungen als heute. Der Stirling-Motor, der extrem energiesparend, aber nur dezentral einsetzbar ist, wurde in den 1820ern entwickelt und war praktisch 170 Jahre lang vergessen. Die erste Brennstoffzelle wurde in den 1840ern vorgestellt. Erst seit ungefähr zwanzig Jahren gibt es wieder Anstrengungen in der Brennstoffzellenentwicklung. Das hat mit einem Großteil der Energieexperten zu tun, die aus meiner Sicht mittlerweile selbst einen Teil des Problems darstellen.

Standard: Inwiefern?

Scheer: Weil sie die Versorgungsstrukturen, die im Zuschnitt auf die fossilen Energien und auf Atomenergie entstanden sind, für neutral gegenüber der Energiequelle halten und glauben, dass man nur innerhalb dieser Strukturen auf neue Energien umsteigen kann. Das geht aber nicht. Die Energiequelle bestimmt, wie sie erzeugt wird und zum Konsumenten kommt. Erneuerbare erfordern andere organisatorische, infrastrukturelle und technologische Voraussetzungen. Das ist der eigentliche Energiekonflikt, der ohne Strukturwandel nicht zu lösen ist. (Stefan Löffler, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 8.5.2009)

 

Zur Person:
Hermann Scheer (65) ist seit 1980 Abgeordneter des Deutschen Bundestags und seit 1993 im Bundesvorstand der SPD. Er ist Vorsitzender von Eurosolar und des Weltrats für Erneuerbare Energien sowie Autor zahlreicher Bücher über alternative Energien. Am 11. Mai ab 19 Uhr im Naturhistorischen Museum Wien nimmt Scheer an den "ERDgesprächen 09" teil.

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    Volkswirtschaften haben sich abhängig von nichterneuerbaren und sich deshalb rapid erschöpfenden Ressourcen gemacht.

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