Theaterlegende Fritz Muliar ist tot

4. Mai 2009, 15:48
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Am Sonntagnachmittag stand der Kammerschauspieler noch auf der Bühne des Theaters in der Josefstadt - In der Nacht auf Montag starb er 89-jährig im AKH

Wien - Den Zusammenbruch des Habsburgerreiches hatte Fritz Muliar, am 12. Dezember 1919 als Friedrich Ludwig Stand geboren, nicht mehr miterlebt. Und doch galt der Wiener Volksschauspieler als "Altösterreicher". Nicht ohne Grund: Fritz Muliar bezeichnete sich selbst als "überzeugter sozialdemokratischer Monarchist". Er lebte den Vielvölkerstaat - nicht nur auf der Bühne oder im Unterhaltungsfilm. Und auf sich selbst vereinte der Patriot alle nur denkbaren Widersprüche.
Seine Mutter war eine engagierte Linke, sein Vater k. u. k. Offizier und später Nationalsozialist, sein Stiefvater ein russisch-jüdischer Juwelier, der 1938 fliehen musste. Als 14-Jähriger entdeckte er, wie er in einem Interview sagte, die Liebe zu seinem Land:"Ich habe den Dollfuß verehrt und war Mitglied der Vaterländischen Front."

1940 wurde Muliar zur Wehrmacht eingezogen; er kam nach Frankreich und verhalf dort Juden zur Flucht. Wegen "Wehrkraftzersetzung" und "Beleidigung des Führers" - Muliar nahm sich nie ein Blatt vor den Mund - saß er, zum Tode verurteilt, sieben Monate in Einzelhaft. Er meldete sich als Strafsoldat, wurde nach Russland geschickt, später nach Italien. Verwundet geriet er schließlich in britische Kriegsgefangenschaft. 

Zurück in Österreich, nahm er die Karriere als Komödiant, die 1937 im Kabarett Der liebe Augustin und danach im Simpl begonnen hatte, wieder auf. Und schon bald bekam er die Rolle seines Lebens: im Film Der brave Soldat Schwejk (1960) an der Seite von Heinz Rühmann. Fortan erzählte Muliar entweder jüdische Witze mit Bravour oder er böhmakelte: In den frühen 1970er-Jahren - Muliar war nach einer kurzen Koketterie mit der KPÖ der SPÖ beigetreten - wurde er mit der 30-teiligen Fernsehserie Die Abenteuer des braven Soldaten Schweijk im Ersten Weltkrieg über die Grenzen hinaus bekannt.

Der Freund von Bundeskanzler Bruno Kreisky war allgegenwärtig: Er spielte im Theater in der Josefstadt, er war Mitglied der Seitenblicke-Gesellschaft, er hatte im ORF eigene Sendungen, darunter die Fritz-Muliar-Show und Prof. Muliars Böhmisch-Stunde.

"Fleischhacker, nicht Barone"

Er spielte, wie er selbst sagte, in der Regel "Fleischhacker, nicht Barone": Muliar brillierte in Nestroy-Rollen, er gab bei den Salzburger Festspielen den dicken Vetter im Jedermann. Und von 1974 an war Muliar festes Mitglied des Burgtheater-Ensembles. Für den Peachum in der Dreigroschenoper erhielt er die Kainz-Medaille. Er blieb sich immer selbst treu: Er war der Muliar - egal, welchen Charakter er zu verkörpern hatte.

Der Anekdotenerzähler und Alleinunterhalter konnte aber auch ein rechter Grantscherben sein. Als ORF-Publikumsrat nannte er den Journalisten Walter Seledec "ein Würschtl" und Schlimmeres. Und Jahre zuvor hatte er wiederholt Claus Peymann beschimpft, weil dessen Vertrag als Burgtheaterchef verlängert werden sollte.

In der Peymann-Frage war sich Muliar mit Franz Morak einig, der später ÖVP-Politiker werden sollte:Es entwickelte sich eine fruchtbare Zusammenarbeit. In der Regie von Morak durfte der Kammerschauspieler seinen größten künstlerischen Triumph feiern - als ins Altenheim abgeschobener Großvater in Felix Mitterers Sibirien.

Sich selbst ließ Muliar nicht abschieben: Am Sonntagnachmittag stand der 89-jährige noch in Die Wirtin auf der Bühne der Josefstadt. Am Abend brach er zusammen. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 05.05.2009)

  • Patriot, Sozialdemokrat, streitbarer Geist, Komödiant und Volksschauspieler bis zum Schluss: Fritz Muliar.
    foto:orf/andreas friess
    Foto:ORF/Andreas Friess

    Patriot, Sozialdemokrat, streitbarer Geist, Komödiant und Volksschauspieler bis zum Schluss: Fritz Muliar.

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    Fritz Muliar stand am Sonntag in "Die Wirtin" zuletzt auf der Bühne der Josefstadt.

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