Österreich leitet Impfstoff-Produktion ein

4. Mai 2009, 13:43
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WHO will derzeit keinen Pandemie-Alarm auslösen, warnt aber vor einer zweiten, heftigeren Welle des Virus

Obwohl niemand mit der flächendeckenden Ausbreitung der Schweinegrippe rechnet, trifft Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) eine weitere Vorkehrung: In acht bis zehn Wochen könnte es einen Impfstoff geben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat nach den Worten von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon derzeit nicht die Absicht, wegen der Schweinegrippe Pandemie-Alarm auszulösen. Solange die Lage sich nicht verschlechtere, werde die höchste Alarmstufe 6 nicht ausgerufen, sagte Ban am Montag.

Die Chefin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Chan, hat unterdessen aber vor einer zweiten, heftigeren Welle der Schweinegrippe gewarnt. Der derzeitige scheinbare Rückgang der Sterblichkeitsrate bedeute nicht, dass die Grippewelle zu Ende gehe, sagte Chan der britischen "Financial Times" vom Montag. "Wir hoffen zwar, dass das Virus sich totläuft", sagte Chan. Doch könne eine zweite Schweinegrippe-Welle jederzeit "mit aller Macht" zuschlagen. "Ich sage jetzt nicht, dass eine Pandemie losbricht", betonte die WHO-Chefin: "Aber wenn ich etwas versäume, und wir bereiten uns nicht richtig vor, bin ich gescheitert. Ich treffe lieber zuviel als keine Vorsorge." Bisher sind 18 Staaten von der Schweinegrippe betroffen, im am härtesten getroffenen Mexiko starben mindestens 22 Menschen.

Situation in Österreich

Eine flächendeckende, vom Gesundheitsministerium vorgeschriebene Impfung gegen die Schweinegrippe, für die 16 Millionen Dosen Impfstoff hergestellt werden müssen: Das wäre das Worst-Case-Szenario, mit dem freilich niemand in Österreich ernsthaft rechnet. Dennoch leitete das Gesundheitsministerium eine weitere Maßnahme ein, um einer möglichen Pandemie entgegenzutreten: Das A(H1N1)-Virus wurde an den Pharma- und Biotech-Konzern Baxter in Niederösterreich übermittelt. Dort wird es für die Impfstoffproduktion vorbereitet, die schon in den nächsten Tagen starten könnte, wie der Generaldirektor für öffentliche Gesundheit, Hubert Hrabcik, am Sonntag mitteilte.

Rahmenvertrag mit dem Hersteller

Das Gesundheitsministerium hat zu diesem Zweck einen Rahmenvertrag mit dem Hersteller abgeschlossen. Wie viel die nun eingeleitete Maßnahme kostet, konnte man im Ressort von Alois Stöger (SPÖ) auf Nachfrage aber nicht beziffern. Kommt es zur Entwicklung des Impfstoffes - darüber wird der Gesundheitsminister akkordiert mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entscheiden - so könnte dieser in acht bis zehn Wochen erhältlich sein. Ebenso wie bei der "normalen" Influenza können Patienten dann selbst entscheiden, ob sie geimpft werden wollen - und dafür auch selbst zahlen.

Amerika skeptisch: Allein die Entwicklung würde ein Monat dauern

In Amerika ist man bei der Impfstoffentwicklung skeptischer: Sie dauere sechs bis sieben Monate, sagte die Direktorin der panamerikanischen Gesundheitsorganisation Mirta Roses Periago. Allein die Entwicklung des "Keims" würde ein Monat dauern.

Generaldirektor für Gesundheit: "Kein Mensch kann vorhersagen, wie es weitergeht"

"Es ist bei weitem noch nicht vorbei", warnte Hrabcik am Sonntag. Man müsse nun die "Nadel im Heuhaufen" suchen und so die Infektionsketten kappen. Obwohl die Grippe bei europäischen Patienten bisher eher mild ausfiel, könne "kein Mensch vorhersagen, wie es weitergeht", so Hrabcik. Die "Schlüsselphase" stehe in ein bis zwei Wochen bevor; dann werde man sehen, "ob die Krankheit wieder zurückgeht oder sich auf der südlichen Hemisphäre ausbreitet, wo jetzt die Winterzeit beginnt".

Einzige Patientin in Österreich wieder entlassen

Die erste und einzige Patientin in Österreich konnte am Wochenende das Krankenhaus wieder verlassen. Nach zwei Tagen Behandlung konnten keine Viren mehr im Körper der 28-Jährigen nachgewiesen werden. Alles sei "wie bei einer gewöhnlichen Grippe" verlaufen, sagte der behandelnde Arzt im Wiener Kaiser-Franz-Josefs-Spital, Christoph Wenisch.

Aus Russland gibt es keine Daten

Unterdessen breitet sich die Schweinegrippe weiter aus: In Europa gab es am Sonntag zehn neue Fälle. Die Infektionen hätten jeweils Bezug zu einer Mexikoreise, während es in den USA und Kanada dutzende Fälle von Mensch-zu-Mensch-Übertragung gegeben habe. Betroffen ist laut Hrabcik auch Asien. Aus Russland gibt es keine Daten, Afrika dürfte bislang verschont geblieben sein. Dennoch begann Ägypten am Wochenende mit der umstrittenen Massenschlachtung von Schweinen.

Begriff "Schweinegrippe" - WHO unter Druck

Der Begriff "Schweinegrippe", von dem die WHO unter anderem auf Druck der fleischverarbeitenden Industrie Abstand nehmen wollte, scheint doch berechtigt zu sein: In der kanadischen Provinz Alberta steckte ein erkrankter Landwirt seine Schweineherde mit dem Virus an. Die Tiere wurden danach unter Quarantäne gestellt. (APA/ Andrea Heigl, DER STANDARD Printausgabe 4.5.2009)

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