"Wir müssen Kinder erst wieder als Kinder sehen"

1. Mai 2009, 19:45
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Eltern würden ihre Kinder aus Verunsicherung zunehmend als Partner betrachten und diese dadurch in ihrer Entwicklung hemmen, sagt der deutsche Kinderpsychiater Michael Winterhoff

 DER STANDARD: Sind tatsächlich immer mehr Kinder und Jugendliche gewalttätig, oder hat sich nur der Grad der Brutalität geändert?

Winterhoff: Die Qualität der Gewalt hat sich auf jeden Fall verändert. Früher führte der Schmerz des anderen dazu, dass man aufhört. Heute hat man den Eindruck, dass es egal ist, da wird noch einmal hingetreten. Der andere erreicht den, der zuschlägt, gar nicht mehr.

DER STANDARD: Wieso fehlt oft jegliche Beißhemmung?

Winterhoff: Wenn sich Kinder nicht entwickeln können, dann sind sie viel gnadenloser und skrupelloser, wenn es zu einem Konflikt kommt. Weil der Reifegrad fehlt, um den Schmerz des anderen wahrzunehmen. Genauso wie es Jugendliche gibt, die zwischen virtueller und realer Welt nicht mehr unterscheiden. Ich hatte vor kurzem einen 16-Jährigen hier, der hat einen Mitschüler verprügelt, weil dieser seine Freundin angebaggert hat, wie er es ausdrückte. Der Jugendliche hat erzählt, dass er und seine Freundin seit drei Monaten zusammen seien und jeden Tag Kontakt hätten. Hinterher hat sich heraus gestellt, dass er sie noch nie gesehen hat, sondern sie nur aus dem Chatroom kannte - und der andere hat das Mädchen eben angechattet.

DER STANDARD:Wie kommt es zu einer derartigen Entwicklungsstörung?

Winterhoff: Mitte der 90er-Jahre kam es zunehmend dazu, dass die Erwachsenen um jeden Preis von ihren Kindern geliebt werden wollten. Und wenn ich von meinem Kind geliebt werden will, kann ich keine Grenze mehr setzen. Das heißt, ich bin bedürftig und das Kind steht weit über mir. Durch diese Machtumkehr ist eine Entwicklung auf kindlicher Seite gar nicht mehr möglich.

DER STANDARD:Warum war gerade Mitte der 1990er-Jahre diese Zäsur?

Winterhoff: Die Gesellschaft hat sich durch den technischen Fortschritt immer mehr aufgelöst. Wir haben keine Sicherheit mehr bei Jobs und Renten, wir haben Angst machende Prozesse wie die Globalisierung. Wünsche nach Anerkennung, Orientierung und Sicherheit werden von der Gesellschaft nicht mehr getragen. Da bietet sich das Kind zur unbewussten Kompensation an: Wenn mich draußen keiner mehr liebt, soll mich mein Kind lieben. Dieses Erziehungskonzept ist nicht bewusst gewählt, sondern durch gesellschaftliche Veränderung entstanden.

DER STANDARD: Viele Eltern sind bei der Erziehung ihrer Kinder sehr engagiert. Was soll daran falsch sein?

Winterhoff: Das Problem liegt im Konzept. Ein Beispiel: Wenn ich zu einem siebenjährigen Kind sage, "räum dein Zimmer auf, ich möchte Staubsaugen", dann ist klar, dass das Kind für mich aufräumt, wenn ich es als Kind sehe. Wenn ich das Kind als Partner sehe, gehe ich davon aus, es hat verstanden und räumt auf, weil ich Staubsaugen will - und erwarte, dass es aufspringt und aufräumt, wenn ich mit dem Staubsauger komme. Das wird aber nicht klappen. Wenn ich geliebt werden will, und das Kind sagt, "Ach, ich hab keine Lust aufzuräumen", dann sage ich, "in Ordnung, machen wir es halt morgen"- weil ich Angst haben, dass mich das Kind nicht mehr mag, wenn ich mich durchsetze. Lebe ich in einer Symbiose mit meinem Kind, dann räume ich selbst auf. In diesen Fällen kann es aber keine gesunde Reifeentwicklung des Kindes geben.

DER STANDARD: Haben jene, die sagen, Kinder seien heute nur noch ungezogene Fratzen, recht?

Winterhoff: Kinder, die sich nicht entwickeln können, sind ja völlig respektlos. Dann zeigt ihnen so ein Kerlchen den Vogel und streckt die Zunge raus - da ist man schon an der Grenze. Viele Eltern reagieren dann mit Drohungen und Strafen. Was nichts bringt, weil man sich auf einen Machtkampf einlässt, den man nicht gewinnen kann. Aber die Respektlosigkeit ist nicht in fehlender Erziehung, sondern in fehlender Entwicklung begründet.

DER STANDARD: Wie kann da gegengesteuert werden?

Winterhoff: Man könnte Konzepte für Kindergärten und Schulen entwickeln, die den Kindern eine Chance geben, außerhalb der Familie nachzureifen. Man bräuchte Modelle, die Sicherheit und Struktur geben, wie bei ganz kleinen Kindern. Wir müssen Kinder erst einmal wieder als Kinder sehen.

DER STANDARD: Machen Eltern heute auch etwas richtig?

Winterhoff: Es gibt nach wie vor gesund entwickelte Kinder. Sie haben das Glück, dass ihre Eltern sich noch in der natürlich vorgegeben Position als Eltern befinden. Diese Eltern haben ein Gespür dafür, wie man dem Kind gegenüber reagieren muss und sind in sich ruhend abgegrenzt. Sie werden ein kleines Kind mit Ruhe und Gelassenheit liebevoll anleiten, führen und schützen. Je älter das Kind wird, desto mehr werden sie auch einen partnerschaftlichen Umgang wählen, sie bleiben aber in der Rolle als Eltern. (Bettina Fernsebner-Kokert/DER STANDARD-Printausgabe, 2.5.2009)

Zur Person:

Michael Winterhoff (54) ist Kinder- und Jugendpsychiater sowie Psychotherapeut in Bonn. 2008 erschien sein Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit".

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