Der Superstar der Verzweifelten

1. Mai 2009, 17:56
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Belgrad fürchtet sich vor einem Textilarbeiter in Novi Pazar, der sich aus sozialer Not selbst verstümmelte

An den Sozialismus glauben er und die Arbeiter der Firma Raška nicht mehr, der 1. Mai ist hier diskreditiert.

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Zoran Bulatović ist seit Tagen in aller Munde. Er ist der Mann, der sich den Finger abgehackt und vor laufenden Kameras verzehrt hat. Über Nacht ist der Fünfzigjährige ein Superstar der Verzweifelten in Serbien geworden, ein Symbol der Hoffnungslosigkeit.

Mit einigen Kollegen ist der Anführer des Verbandes der Textilarbeiter aus Novi Pazar vor einer Woche in Hungerstreik getreten und hat sich in den Verbandsräumen im Zentrum der Stadt verbarrikadiert. Niemand schenkte ihnen Aufmerksamkeit, bis Bulatović zum Messer griff. An der Tür stehen die Forderungen der Arbeiter der Textilfabrik "Raška" : Auszahlung aller Gehälter, die sie seit 1993 nicht erhalten haben und ein Sozialprogramm. Vor der Tür ist ein Gitter befestigt. Niemand kommt heraus, niemand wird hineingelassen.

"Ich bin kein Kannibale, ich bin nicht verrückt, ich wusste nur nicht mehr, was wir tun sollen" , sagt der blasse, unrasierte und sichtlich erschöpfte Mann durch das Gitter zum Standard. Er spreche im Namen von 1400 Textilarbeitern, von denen die Hälfte gar keine Sozialversicherung haben. Sie hätten es schon mit Protesten, mit Hungerstreiks versucht, hielten Molotowcoctails in der Hand und drohten, sich zu verbrennen. Nichts hatte genutzt. Die serbische Gesellschaft sei einfach abgestumpft. Leid wirkt nicht mehr.

Hungerstreik ist zu Ende

Dauernd kommen Gruppen von Arbeitern, um Bulatović zu besuchen. Sie reden mit ihm, er gibt ihnen Anweisungen, sagt ihnen, sie sollten sich noch gedulden. Regierungsvertreter hätten ihm versprochen, das Problem zu lösen. Doch glauben schenkt auch Bulatović den Regierungsvertretern ebenso wenig, wie den "korrumpierten" Gewerkschaften. Deshalb hätten seine Kollegen seit einer Woche nicht mehr gegessen, erklärt er. Im Gegensatz zu ihm: "Ich bin ja nicht mehr im Hungerstreik. Ich hatte eine Mahlzeit, nämlich meinen Finger." Alle seien sie bereit bis zum bitteren Ende zu gehen, sagt Bulatović in einem Zustand überzeugender Verzweiflung. Auch wenn es den einen oder anderen noch einen Körperteil kosten sollte.

Der "Fingerfresser" , wie ihn einige Medien bezeichneten, ist ein Albtraum für die Regierung in Belgrad geworden. Wenn sie nachgibt, könnten bei einer Arbeitslosigkeit von rund 20 Prozent auch andere verzweifelte Menschen auf den Gedanken kommen, mit Selbstverstümmelung oder anderen radikalen Methoden für ihre Rechte zu kämpfen. Wenn nicht, riskierte sie in der explosiven sozialen Lage weitere unabsehbare Reaktionen der Textilarbeiter in Novi Pazar.

Opfer wilder Privatisierung

"Momentan hat es keinen Sinn, Streiks zu organisieren" , sagt Džemo Graco, regionaler Präsident der Assoziation freier und unabhängiger Gewerkschaften Serbiens (ASNS), die rund 200.000 Mitglieder zählt. Die Staatskasse sei nämlich ebenso leer, wie die von Gewerkschaften. Graco verurteilte die Methoden von Bulatović, auch wenn er Verständnis für die hunderttausenden Arbeiter hat, die Opfer der wilden Privatisierung geworden sind. In der Wirtschaftskrise setzt sich die ASNS für die Zusammenarbeit mit der Regierung ein. Andere Gewerkschaften sind anderer Meinung, aber untereinander sind sie ohnehin hoffnungslos zerstritten und daher machtlos.

Mit einer Arbeitslosenrate von 47 Prozent ist Novi Pazar, wie viele andere serbische Provinzstädte, eine Stadt der Verarmten geworden. Eine soziale Zeitbombe, nennen das Soziologen. Die einst blühende Textilindustrie ist nicht mehr so profitabel: Einerseits weil die Fälschung von bekannten Marken wie Levi's oder Versace in Serbien nicht mehr geduldet wird. Andererseits weil man mit den Preisen von Textilhändlern aus China nicht standhalten kann. Trotz der allgemeinen Misere gibt es keine nationalen Spannungen zwischen Serben und Bosniaken.

Unmittelbar an der Grenze zum Kosovo, Montenegro und Bosnien-Herzegowina leben hier viele Menschen vom Schmuggel, die ehemaligen Textilarbeiter verkaufen auf dem Markt, was immer sie in die Hände bekommen. Oder sie bekommen Geld von Verwandten aus dem Ausland. Über achtzig Prozent der Bevölkerung in Novi Pazar sind Bosniaken. Die vielen Moscheen geben der multiethnischen, aber heruntergekommenen Stadt orientalischen Charme. In einigen Gasthäusern wird denn auch kein Alkohol verkauft. Entsprechend der sozialen Lage kostet ein Kaffee rund 30 Cent, dreimal weniger als in Belgrad. Für fünf Euro bekommt man sensationelle Æevapèići - der Sandschak ist dafür berühmt - für zwei Personen inklusive Getränke.

Kommunistischer Brauch

Den 1. Mai 2009 verbringen Bulatović und seine Kollegen in ihrer Selbstisolation. Doch auch die anderen Arbeiter in Novi Pazar feiern den Tag der Arbeit nicht. Das tue man nicht mehr, erklären einige um Bulatović versammelte Männer, das sei doch ein kommunistischer Brauch, und Serbien sei kein kommunistisches Land mehr. "Nur die Bonzen feiern heute, während die Arbeiter im Dreck sitzen und ihnen noch immer tatenlos zuschauen" , sagt Bulatović, der selbst nicht mehr zuschauen will. (Andrej Ivanji aus Novi Pazar/DER STANDARD, Printausgabe, 02.05.2009)

  • Zoran Bulatović hat sich seit einer Woche verbarrikadiert. Er will, dass das Leid der Textilarbeiter endlich ernstgenommen wird.
    foto: standard/samir delic

    Zoran Bulatović hat sich seit einer Woche verbarrikadiert. Er will, dass das Leid der Textilarbeiter endlich ernstgenommen wird.

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