Der Hitzesommer, der keiner war

1. Mai 2009, 17:20
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Esther Kinskys "Sommerfrische"

Mit 53 Jahren debütieren als Autorin? Ein solches, zum neuerdings grassierenden jugendlichen Genie-, sprich: Daniel-Kehlmann- und Clemens-Berger-Wahn, mit 30 bereits ein halbes Dutzend Bücher nicht nur geschrieben, sondern auch veröffentlicht zu haben -, geradezu angenehm antizyklisches Verhalten pflegt Esther Kinsky. Die in Berlin und Ungarn lebende Übersetzerin ist bekannt für sorgfältige Übertragungen vornehmlich polnischer Autorinnen und Autoren wie Zygmunt Haupt, Hanna Krall und Olga Tokarczuk. Der Titel ihres eigenen Romanerstlings ist allerdings grob irreführend.

Es wird ein Sommer beschrieben, und was für ein unerbittlich heißer!, in einer üdülö, einer Feriensiedlung an einem Fluss irgendwo in der ungarischen Provinz. Aber von Idylle, gar von altmodischer Sommerfrische keine Spur; noch ist das, wovon Kinsky erzählt, erholsam. Stattdessen liest man von wortloser triebgesteuerter Sexualität, von Trennungen und Schmerzen und Süchten, von emotionalem und ökonomischem Verlassenwerden (eine nahegelegene Fabrik ist nur noch Monument), von überfahrenen Tieren und einem Badeunfall, der mehr oder weniger gleichgültig abgehakt wird. Kinsky findet für diese Ausweglosigkeiten unter dem Hitzeschirm einen harschen, fast gotisch-spätexpressionistisch anmutenden, übersteigerten, metaphernreichen Stil. Am Ende dann "wird es still, Zeit zu gehen, aus dem Gestrüpp zu kriechen, aus den Fingern des Flusses in ein Leben, gleiten, auf der anderen Seite, andernorts." (Alexander Kluy, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 02./03.05.2009)

Esther Kinsky, "Sommerfrische" . € 16,80 / 128 Seiten. Matthes & Seitz, Berlin 2009

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