Dachwanderer auf sägerauen Stegen

30. April 2009, 15:35
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Auf Stegen zwischen den Linzer Dächern bietet sich die Möglichkeit, den urbanen Raum auf einzigartige Weise zu erleben

"Höhenrausch" präsentiert Kunst zwischen Himmel und Stadt.

"Schwindel und Unbehagen wird es genug geben, das können Sie uns glauben", versichert Martin Sturm. "Ich jedenfalls werde kein zweites Mal mit dem Riesenrad fahren. Und auch der Steg schraubt sich kühn über das Flachdach, da kann einem schon ein bisschen mulmig werden. Mit seinen sägerauen Dreiecksständern ist der Steg eine rechte Geh-Skulptur geworden, die leichtfüßig über die Dachkanten stelzt."

Der besagte Steg gehört zu Höhenrausch, dem letzten Teil der Linzer Rausch-Trilogie. Er transportiert die Kunst nun - nach Präsentationen zu ebener Erde und unter Tage - über die Dächer von Linz. Die Besucher schicken OK-Direktor Sturm und Paolo Bianchi auf einen Parcours, der über leicht schwingende Stege (Atelier Bow-Wow, Tokio, gemeinsam mit RieplRiepl Architekten Linz) und Stiegen von Haus zu Haus, Dach zu Dach auf und ab führt.

Bei ersten Dachbesichtigungen stellte sich heraus, dass das ständige Hoch- und Runtersteigen doch sehr ermüdend ist. Also entschloss man sich, drei wesentliche Gebäudekomplexe im Herzen der Stadt direkt zu verbinden. Bianchi: "Kulturhaus, Kaufhaus und Klosterkirche. Auf diesem Triumvirat untentbehrlicher Eigenschaften eines modernen Daseins - Kunstsinnlichkeit, Konsumhedonismus und Spiritualität - baut der Höhenrausch-Parcours auf."

Bianchi fährt fort: "Die Besucher verlassen die Oberfläche des Vertrauten. Am Ende landen sie auf dem Boden der Realität, auf der Landstraße." Dazwischen ist man dem "Himmel so nah", verwandelt sich in die Figur des Dachwanderers.

Eine romantische Vorstellung, deren positiven Eigenschaften man nützt: "Das Gefühl des Erhabenen, die Sehnsucht nach dem Unendlichen, der Zustand des Schwebens." Bianchi erinnert an Novalis, der um die Notwendigkeit wusste, die Welt zu romantisieren: "Dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen", schrieb dieser. Oder: "Dem Endlichen einen unendlichen Schein."

Nach diesem Prinzip funktioniere auch Höhenrausch, meint der Kurator. "So kommt ein Riesenrad aufs Dach (Maider López), erhält der gewöhnliche Regen einen geheimnisvollen Ausdruck (Paul DeMarinis), verwandelt sich der Lkw-Anhänger (Andreas Strauss) in eine Wettersäule, verleiht das Stahlkugelmeer (Serge Spitzer) der Wahrnehmung Flügel."

Ein Rausch der Gefühle? "Narkotisch soll die Ausstellung auf keinen Fall sein, das überlassen wir gerne der Kitsch-Industrie. Aber indem sich die Besucher der Dachkante aussetzen, erwischen wir sie in einem emotional aufgeweichten Zustand", hofft Sturm im Sinne eines Erkenntnisgewinns. Auch die bewusste Wahrnehmung, die "Apperzeption", von der Heimito von Doderer sprach, sei da hilfreich: "Halten Sie den Kopf einmal um zwanzig Grad höher als den normalen Blickwinkel, und Sie erkennen Ihre Welt nicht wieder."

Oder man spitzt die Ohren für das Rauschen in der Höh'? Sturm: "Ich war Sonntagabend oben, und der Föhn hat auf Teufel komm raus in den Seilen des Riesenrades gesäuselt." Auch die Stadt klinge je nach Höhe und Uhrzeit ganz verschieden. In Sturms und Bianchis Konzept vom Rauschen passte auch die Idee Sam Auingers, aus verschieden klingenden Tritthölzern eine Komposition zu machen. Sie soll auf der Himmelsstiege. die vom OK aufs Dach führt, realisiert werden. Ein Aufstieg ins Paradies?

Rauschen der Verkehrshölle

Dort brandet der Verkehrslärm hinauf, und man vergisst trotz der Vogelperspektive und der Weite des Himmels keinen Moment, dass man mitten in der Stadt ist, findet Brigitte Felderer. Am Flachdach hat sie ihr Himmelsmuseum errichtet - eine Faszinationsgeschichte des Himmels von 1783 bis 2000, die die vielfältigen Assoziationen zum Worthybrid Höhenrausch weiterspinnt.

Vor allem aber stellt Felderer die versammelten Höhenflüge in Relation zu jenem ersten Sich-in-die-Lüfte-Erheben, jener Änderung der Perspektive, die die Fahrt der Montgolfière 1783 einleitete: Die frühen Ballonfahrten waren "von dem Wunsch nach einer Profanisierung des heiligen Himmels getragen, versammelten große Menschenmengen, denen der Ballon als Symbol für Unmögliches, für Aufruhr und Revolution erscheinen musste." Interessant ist dabei, dass es keine Adligen waren, die in den Himmel schwebten, sondern "schlaue Bürger, freche unabhängige Frauen, mutige Künstler und romantische Outsider".

In diesem Sinne fordere der Höhenrausch den Schwindel und die Hingabe an das Irrationale heraus, provoziere dazu, Vernunft zu hinterfragen. Das kann auch über Linzer Dächern funktionieren. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4./1.5.2009)

 

  • Wenn Pan Tau, Karlsson (vom Dach) oder Batman eine Prise Romantik brauchen: "Private Moon" von Leonid Tishkov und Boris Bendikov.
    foto: tishkov

    Wenn Pan Tau, Karlsson (vom Dach) oder Batman eine Prise Romantik brauchen: "Private Moon" von Leonid Tishkov und Boris Bendikov.

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