Die Wurzel des Dopingübels

29. April 2009, 18:14
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Österreich wurde zum größten Trainer-Auffangbecken des Doping-getränkten DDR-Sports

Wien - Ganz im Sinne von Zentralkomitee und Staatsrat haben die Genossinnen und Genossen DDR-Sportler der Welt die Überlegenheit des Kommunismus demonstriert. Doping war, wenn nicht von der Sozialistischen Einheitspartei (SED) angeordnet, so doch zumindest staatlich sanktioniert. Nicht nur (mehr oder weniger) mündige, erwachsene Sportler, sondern auch minderjährige Talente wurden von Trainern und Wissenschaftern "aufgeblasen".

Vor allem in den olympischen Kernsportarten Schwimmen und Leichtathletik, aber auch im nordischen Wintersport war die DDR eine Macht. Noch immer stehen Weltrekorde wie jener über 400 Meter von Marita Koch (47,60; 1985) in den Bestenlisten. Seit damals lief allein die Französin Marie-José Perec (1996) auf 0,65 Sekunden an Koch heran, allen anderen fehlte zumindest eine Sekunde. Die renommierten deutschen Dopinggegner Brigitte Berendonk und Werner Franke wiesen anhand von Dissertationen und Habilitationsschriften ehemaliger DDR-Dopingforscher vielen DDR-Sportlern Doping nach. Demzufolge hat auch Koch jahrelang in hohen Dosen Oral-Turinabol genommen oder bekommen, ein von Jenapharm entwickeltes Anabolikum. Koch bestreitet bis heute, gedopt gewesen zu sein.

Irreversible Schäden

Andere wie die Sprinterin Ines Geipel ließen ihre Namen später aus Rekordlisten streichen. Geipel und wohl auch Koch waren wie zehntausend andere Sportler ins DDR-Staatsdoping miteinbezogen. Im Jahr 2000 trat Geipel als Nebenklägerin im Berliner Hauptprozess auf, in dem Ex-DDR-Sportchef Manfred Ewald wegen Beihilfe zur Körperverletzung in mehr als 120 Fällen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Die Verabreichung großer Steroidmengen hatte dutzenden Athleten schwere, teils irreversible Schäden verursacht: etwa Leberschäden, Stimmbruch bei Frauen und Fehlgeburten. Junge Schwimmerinnen waren besonders betroffen. Wieso nur DDR-Mädchen, nicht aber Männer an die Weltspitze schwammen? Da hieß es: "Wir können aus Frauen Männer machen, aber aus Männern keine Fische."

Österreich wurde nach dem Fall der Mauer zum relativ größten Auffangbecken für DDR-Trainer. Sie kamen, weil sie keine Sprache lernen mussten, billig waren und man von ihrem Fachwissen profitieren wollte. Bernd Pansold diente jahrelang dem ÖSV, arbeitete im von Bund und Land geförderten Olympiastützpunkt Obertauern auch mit Hermann Maier. Auch er wurde wegen Beihilfe zur Körperverletzung verurteilt, sein Einspruch mit dem Hinweis abgewiesen, dass Doping an Kindern besonders verwerflich sei.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel ließ lange nichts über Pansold kommen, der Obertauern erst auf internationalen Druck hin verließ. Pansold dient heimischen (und ausländischen) Spitzensportlern nach wie vor, ist oberster Leistungsdiagnostiker Red Bulls. Franke: "Da haben sie sich offenbar eine besondere Zecke eingefangen." Kundige meinen, Pansold habe das Eigenblutdoping in der DDR entwickelt. Blut abnehmen, bestrahlen, mit Sauerstoff anreichern, wieder zuführen. Der Einsatz dieser oder einer ähnlichen Methode hatte die ÖSV-Dopingskandale 2002 und 2006 zur Folge.

Hans Eckstein (Rudern), Werner Trelenberg (Leichtathletik), Hans Müller Deck, Frank Friedrich (beide Judo), Wolfgang Kipf (Volleyball), Klaus Bonsack (Rodeln), Gerd Müller, Günter Lux (beide Rad), Rüdiger Helm, Wolfgang Lange (beide Kanu) und der inzwischen verstorbene Rolf Gläser (Schwimmen) sind andere Ex-DDR-Trainer, die in Österreich landeten. Kurt Hinze, Ex-Cheftrainer der DDR-Biathleten, beriet den ÖSV. Manche der ostdeutschen Betreuer hatten einen Ruf, mit dem sie in anderen Ländern eher keinen Job gefunden hätten. Österreichs Sport begegnete den Kapazundern teils mit Kalkül, teils naiv. Helmut Donner, Ex-Präsident der österreichischen Leichtathleten, über Ex-ÖLV-Cheftrainer Trelenberg: "Er hat gewusst, dass und wie gedopt wurde, war aber selbst sicher nicht aktiv beteiligt. Und bei uns war er unter Garantie sauber."

Christiane Sommer (Mädchenname Knacke) war am 28. 8. 1977 als erste Frau die 100 Meter Delfin unter der Minute geschwommen (59,78). Sie kam schon vor der Wende nach Österreich, arbeitete einige Monate als Trainerin für den Schwimmverband und trat später als Zeugin gegen ihren Ex-Trainer Gläser auf. "Man hat mit uns wie mit Tieren experimentiert", sagt sie. "Die Trainer haben sich das Vertrauen der Eltern erschlichen. Und dann haben sie uns das Zeug untergemischt."

Gläser wurde, als die Mauer gefallen war, vom Land Oberösterreich in Linz angestellt, arbeitete auch für den Schwimmverband. Seinerzeit, als ihm die DDR-Mädchen erzählten, dass ihre Stimmen immer tiefer wurden, hatte er geantwortet: "Ihr sollt ja nicht singen, sondern schwimmen." (Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe, 30.4.2009)

 

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    Marita Koch (hier zweite von links), die für Empor Rostock unterwegs war, hält seit 1985 den Weltrekord über 400 Meter - 47,60 Sekunden.

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