Verlust von fast einer Milliarde Euro

29. April 2009, 17:29
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Die Bundesbahnen fuhren 2008 unter anderem wegen Rückstellungen und spekulativer Geschäfte einen Verlust von 969 Millionen Euro ein

Nun ist es amtlich: Die ÖBB fuhr im Vorjahr 970 Millionen Euro Verlust ein. Mehr zahlen müssen nun der Bund - und natürlich die Passagiere. Denn die Fahrkartenpreise werden ab Juli im Schnittum 4,9 Prozent erhöht.

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Wien - Die tiefrote Bremsspur, die Spekulationsverluste,
Firmenwertberichtigungen und Abschreibungen in der ÖBB-Bilanz 2008 verursachen, werden ab Juli auch die Fahrgäste spüren: Die Ticketpreise werden um durchschnittlich 4,9 Prozent erhöht. Dies kündigte der ÖBB-Vorstand rund um Generaldirektor Peter Klugar bei Vorlage der Zahlen am Mittwoch an. Die Staatsbahn rechtfertigt die Fahrpreiserhöhungen mit gestiegenen Energiepreisen, Personalkosten und der Anschaffung neuen Wagenmaterials, das den Fahrgästen zugute komme.

Wie viel Geld damit vor allem bei Pendlern kassiert wird, sagte die Eisenbahnführung nicht. Die Kosten für die politisch verordnete Verschiebung der Preiserhöhung um ein halbes Jahr waren aber stets mit rund 15 Mio. Euro beziffert und vom Verkehrsministerium ersetzt worden. Nicht erhöht wird nur der Preis für die Vorteilscard.

Wie dringend notwendig der Personenverkehr höhere Einnahmen hat, zeigt ein Blick in die Teilbilanz Personenverkehr: Er erwirtschaftete trotz neun Millionen mehr Fahrgästen (davon 2,4 durch die Fußball-EM) und 532 Mio. Euro an Subventionen (für Nebenbahnen, unrentable Sozialtarife) 2,03 Mrd. Euro Umsatz, aber ein mit 331,6 Mio. Euro negatives operatives Ergebnis (Ebit). Selbiges bleibt selbst dann mit 16 Mio. Euro unter Wasser, wenn man die außerordentlichen Wertminderungen (für Spekulationsverluste, Abschreibungen) herausrechnet.

Nicht viel besser schaut es beim Güterverkehr aus. Bei ihm ist im vierten Quartal die Wirtschaftskrise voll eingefahren, was im Vorjahr 15 Prozent Fracht gekostet hat. Heuer hofft Klugar mit einem Minus von 20 Prozent davonzukommen.

Worüber Vorstand, Eigentümer und Aufsichtsräte nicht reden wollen: Rail Cargo Austria (RCA) ist dabei, ihre Rolle als ÖBB-Cashcow abzugeben, denn auch hier ziehen Wertminderungen eine rote Spur: Wohl stieg der RCA-Umsatz von 2,4 auf 2,55 Mrd. Euro, das Ebit ist aber mit 39,4 Mio. Euro negativ. Ohne Sondereffekte bedeutet das Stagnation, weil das Ebit mit 20,5 Mio. Euro gleich blieb.

Die Konzernbilanz ist eine, die Finanzchef Josef Halbmayr als "das Ergebnis der umfangreichen Aufräumarbeiten" beschreibt: 376 Mio. Euro an Wertberichtigungen und Abschreibungen (auf das Anlagevermögen wie Wagons), um 64 Mio. Euro musste der Firmenwert der im Vorjahr um 402 Mio. Euro gekauften ungarischen Güterbahn berichtigt werden, 420 Mio. Euro wurden für die (Buchverluste produzierenden) Swap-Geschäfte rückgestellt, und mit 59 Mio. Euro schlugen Rückstellungen und Abwertungen der vielgepriesenen Cross-Border-Leasings zu Buche.

Unterm Strich ergibt all das ein negatives Finanzergebnis von 1,02 Mrd. Euro, das das Vorsteuerergebnis (EBT) mit 970 Mio. Euro tiefrot färbt. "Verdauen" kann die mit 14,1 Mrd. Euro an Finanzverbindlichkeiten herumkurvende Staatsbahn diese Summe nur durch Auflösung nichtgebundener Kapitalrücklagen. Der Konzernumsatz stieg um 3,2 Prozent oder 157 Mio. Euro auf 5,03 Milliarden Euro.

Mit einer Eigenkapitalquote von elf Prozent sieht Klugar den mit steigenden Personalkosten (rund 100 Mio. Euro), Energiekosten und sinkenden Erträgen konfrontierten Konzern trotzdem "auf der Überholspur", weil wertvolle Infrastrukturinvestitionen in Milliardenhöhe getätigt würden. Dass der ÖBB-Konzern nicht einmal die Zinsen (netto 417 Mio. Euro) erwirtschaftet, beunruhigt Klugar nicht. Denn die Republik habe sich schließlich verpflichtet, 70 Prozent der Annuitäten auf 30 Jahre zu zahlen. Halbmayr rechnet vor, dass das Vorsteuerergebnis ohne Vorsorgen für Swapverluste und Wertberichtigungen auf das Anlagevermögen mit 51,9 Mio. Euro negativ wäre, das Ebit brach 2008 von 513,6 auf 51,2 Mio. Euro ein.

2009 wird mit der Wirtschaftskrise eine doppelte Herausforderung, denn Investitionen (1,9 Mrd. Euro) und Zinsen steigen - die Anleihe im Herbst kostet 4,875 Prozent. Klugar muss nicht 100, sondern 200 Mio. einsparen. (ung, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4.2009)

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