Andreas Mölzer entdeckt die Palästinenser

23. April 2009, 18:07
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Betrifft: Die Geisteswelt eines österreichischen EU-Abgeordneten und die Frage nach den Grenzen des Gleichmuts - Von John Bunzl

Liest man das Organ des Europaparlamentariers der FPÖ Andreas Mölzer Zur Zeit (was ich nicht empfehle), dann befindet man sich bald in einem derart unappetitlichen Gebräu von alten und neuen Rassismen, dass es mir unzumutbar erscheint, derlei mit verächtlichem Schweigen einfach zu übergehen.

Zur Verdeutlichung: Nachdem der Meister selbst Barack Obama im Zusammenhang mit dessen Türkei- und Islam-freundlichen Äußerungen höhnisch zum "Schwarzen Messias" erklärt, ereifert sich ein Martin Pfeiffer über den "Bürgermeister Mustafa Häupl" . Den Vogel schießt jedoch der selbsternannte Talmud-Gelehrte Heinz Thomann ab. In seiner Polemik gegen den "Tel Aviv Einwanderer" Ariel Muzicant, der sich "in die Angelegenheiten der österreichischen Innenpolitik, die ihn nichts aber auch gar nichts angehen" einmischt, schwingt er sich zum ungebetenen Verteidiger des (überwiegend islamischen) palästinensischen Volkes auf.

Dass seine Ergüsse nichts, aber auch gar nichts mit Solidarität zu tun haben, zeigt die Tendenz des ganzen Artikels. Er instrumentalisiert die Leiden dieses tatsächlich geschundenen Volkes vielmehr, um seinen antisemitischen Mist abzusondern. Einerseits, indem er stereotyp Gaza als "Konzentrationslager" bezeichnet, dem die "endgültige Vernichtung" bevorstehe (am liebsten wäre ihm wahrscheinlich, wenn Israel beginnen würde, die Palästinenser zu vergasen); andererseits, indem er die Motive der Israelis nicht aus dem Konflikt selbst, sondern "im alttestamentarischen Sinn" von "Rache" -Gelüsten und dem "Vernichtungswahn im talmudischen Geist" , welcher "die gesamte Geschichte dieses Zionistenstaates durchläuft" , herleitet.

Um zu verstehen, wes Geistes Herr Thomann ist, erfahren wir an anderer Stelle, dass "es überwiegend Angehörige des jüdischen Volkes waren, welche die derzeitige schwere weltweite Wirtschaftskrise ausgelöst hätten. Steht das nicht schon in den als Fälschung bekannten "Protokollen der Weisen von Zion" ? Auch ein Bernhard Tamaschitz ist über die Ränke des "auserwählten Volkes" im Bilde. Laut Thomann gehört übrigens auch Joschka Fischer dazu, denn der sei "selbst Jude" . Genügt das? (Alle Zitate aus: Zur Zeit 16/09.)

Die Frage ist nur, ob man diesem groben Unfug mit dem Kadi begegnen sollte, oder ob die österreichische Gesellschaft robust genug ist, selbst damit fertigzuwerden. Letzteres ist leider zu bezweifeln. (John Bunzl/DER STANDARD-Printausgabe, 24. April 2009)

 

 

Zur Person

John Bunzl ist Historiker am Österreichischen Institut für Internationale Politik.

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