Schrille Töne und Klassik gegen Jugendliche

21. April 2009, 14:14
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Eine Kleinstadt verjagt mit schrillen "Hundepfeifen" widerspenstige Jugendliche von den Straßen

Wien / Attnang-Puchheim - In ganz Österreich ist das Jugendabwehrsystem "Mosquito Sound System" verboten - In ganz Österreich? - Nein! Die Kleinstadt Attnang-Puchheim widersetzt sich diesem Gesetz, mangels "geeigneter Alternative", wie der Stadtamtsleiter Franz Lindner betont.

Im zentral gelegenen Schlosshof sei es öfters zu Vandalismus und Anpöbelungen durch Jugendgruppen gekommen. Die Lösung: Ein unangenehm schriller Ton beschallt nun ständig die Passanten, die dafür noch gut genug hören. Lindner erachtet diese Maßnahme als sehr erfolgreich, da man auf dem Schlosshof nun keine Jugendlichen mehr antrifft.
"Akustische Waffe"

Die in England entwickelte "Hundepfeife", wie das Gerät von Laura Rudas (SPÖ) bezeichnet wird, sendet einen Ton im Hochfrequenzbereich aus, der nur bis etwa zum 25. Lebensjahr wahrgenommen werden kann. Ab diesem Alter entwickelt sich laut Experten eine Hochtonschwerhörigkeit.

Das in Österreich bereits seit Jänner 2008 verbotene Produkt, wird in der Schweiz, Großbritannien und Deutschland noch immer legal eingesetzt. In diesen Ländern macht auch die Polizei Gebrauch von dem System.

Das Schweizer Unternehmen "SwissMosquito" sieht eine dringende Notwendigkeit, das Gerät zu vertreiben, wie auf der Homepage auch mittels Foto von gewalttätigen Jugendlichen klargemacht wird: "Im Verlauf der letzten Jahre ist antisoziales Verhalten zu einer der größten Bedrohungen in unserer Gesellschaft geworden. Lärm, Vandalismus und Gewalt sind konkrete spürbare Folgen von herumlungernden Jugendbanden."

Diese "ruinieren das Leben guter Menschen", betont Simon Morris, kaufmännischer Direktor des britischen Unternehmens Compound Security System gegenüber dem SchülerStandard.

Die EU-Kommission findet an diesem Sachverhalt nichts, was ein Verbot rechtfertigen würde. Sie überlässt die Entscheidung jedem einzelnen Staat, trotz der Befürchtung, dass "Mosquitos" Gesundheitschäden nach sich ziehen können.

Ein im Auftrag des niedersächsischen Sozialministeriums erstelltes Gutachten will dem "Mosquito Sound System" keine gesundheitliche Unbedenklichkeit bescheinigen. Auch wenn keine Gefahr für die Zielgruppe der Jugendlichen besteht, wurde ein Risiko für Kleinkinder und Säuglinge festgestellt. Erwachsene Begleitpersonen bemerken diesen Hochfrequenzton nicht und können ihre Kinder so nicht aus dem Wirkungsbereich entfernen.

Kritisiert wird nicht nur die gesundheitsschädigende Wirkung, sondern auch die Diskriminierung der Jugendlichen. Der Vorsitzende der Kinderfreunde Oberösterreich, Bernd Dobesberger, reagierte auf die Installation der Jugendabwehrsysteme empört: "Es stellt sich die Frage, was als Nächstes kommt? Schilder mit der Aufschrift 'Für Kinder und Jugendliche verboten'?" Keine Schilder, aber klassische Musik ist die Idee eines anderen englischen Unternehmers.

Er produziert eine Anlage, die störende Jugendbanden mittels klassischer Musik vertreiben soll. Hören müssen es aber alle. Diese Methode wird vorwiegend von Geschäftsbesitzern angewandt und kann per Fernsteuerung in Betrieb gesetzt werden.

Doch auch die Jugendlichen nützen die Hochfrequenztechnologie für sich. So wurden Handy-Klingeltöne entwickelt, die von Eltern und Lehrern nicht wahrgenommen werden können. (Helmut Pichler, Sabrina Fuchs, Julia Wallner/DER STANDARD-Printausgabe, 21. April 2009)

 

  • Ein hoher Ton, der alle vertreiben soll, die noch jung sind: Das Jugendabwehrsystem "Mosquito" ist europaweit nicht verboten und wird auch in Österreich noch verwendet.
    foto: standard/lorenzer

    Ein hoher Ton, der alle vertreiben soll, die noch jung sind: Das Jugendabwehrsystem "Mosquito" ist europaweit nicht verboten und wird auch in Österreich noch verwendet.

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