Kassandra vom Dienst

15. April 2009, 19:19
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Paul Krugman, Princeton-Ökonom und populärer New York Times-Kolumnist, kritisierte die halbherzigen Maßnahmen Europas zur Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise - Von Helmut Spudich

Wenn ein amtierender Wirtschafts-Nobelpreisträger Österreich und das Wort Staatspleite in einem Atemzug nennt, herrscht hierzulande begreifliche Aufregung. Bei einem Gespräch mit europäischen Journalisten kritisierte Paul Krugman, Princeton-Ökonom und populärer New York Times-Kolumnist, die halbherzigen Maßnahmen Europas zur Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise. Dabei fiel auch die Bemerkung, dass Irland und Österreich (wegen der Ostkredite unserer Banken) dem schlechten Beispiel Island folgen könnten, das am Rande des Bankrotts steht.

Natürlich sind solche Warnungen ernst zu nehmen. Aber sie kommen von einem Ökonomen, der nebst brillantem Sachverstand mit scharfer Rhetorik gesegnet ist und der Barack Obama vorwirft, nicht mutig genug zu sein; der Deutschland als riesigen Stolperstein charakterisiert; und der davon überzeugt ist, dass man "die Lage nicht schwarz genug sehen kann". Krugman spielt die Kassandra vom Dienst. Sein Beweggrund ist nicht Lust am Untergang, sondern das warnende Beispiel der großen Depression, die nicht entschieden genug bekämpft wurde. Ökonomen sind keine Politiker, die an die nächste Wahl denken, sondern sie spitzen zu, damit - hoffentlich - ein Teil ihrer Einsicht ernst genommen wird.

Österreich hat, vor allem seit dem G-20-Gipfel und der finanziellen Aufrüstung der Weltbank, guten Grund anzunehmen, dass sein "Ostproblem" etwas kleiner wurde. Aber wer es ganz wegreden will, übersieht eines: Weil Kassandras Warnungen nicht ernst genommen wurden, behielt sie recht. (Helmut Spudich , DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.4.2009)

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