"Die Politik steht der Kirche hier noch viel zu nah"

9. April 2009, 18:58
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Heide Schmidt fordert im STANDARD-Interview eine neue Sterbehilfe-Debatte

Dass Betroffene Strafen riskieren, sei unzumutbar, sagte sie zu Irene Brickner.

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STANDARD: Frau Schmidt, spektakuläre Fälle von Sterbehilfe enden in Österreich für die Helfer manchmal vor Gericht. Ist das in Ordnung oder gibt es Änderungsbedarf?

Schmidt: Es herrscht eindeutig Änderungsbedarf, denn ich möchte mich in diesen Dingen nicht auf die Einsicht eines Richters verlassen müssen, sondern auf die gesetzlichen Grundlagen. Die derzeitigen Regelungen hängen wie ein Damoklesschwert über Menschen, die mit ihrem Schicksal ohnehin schwer zu kämpfen haben. Das ist unzumutbar.

STANDARD: Ein rechtlicher Freiraum wäre laut katholischer Kirche und den meisten österreichischen Politikern aber sehr gefährlich. Weshalb sehen Sie das anders?

Schmidt: Weil es sich um mehr Freiraum für die Umsetzung des eigenen Willens handeln würde. Ich verstehe durchaus, wenn es Menschen gibt, die eine Neuregelung der Sterbehilfe aus religiösen Gründen ablehnen. Doch es ist das Wesen der Trennung von Staat und Religion, dass sich der Staat nicht auf religiöse, sondern auf Vernunftsargumente zu berufen hat. Schauen Sie, in Österreich war es ja historisch schon schwierig genug, den Selbstmord außer Strafe zu stellen. Da hat sich der Staat auch zu lang auf religiöse Grundwerte gestützt.

STANDARD: Agieren Staat und heimische Politiker bei diesem Thema also nicht unabhängig genug?

Schmidt: Ja, die Politik steht der Kirche hier noch viel zu nah.

STANDARD: Die katholische Kirche lehnt Sterbehilfe klar ab und schlägt stattdessen den Ausbau der Sterbebegleitung und der Palliativmedizin vor. Reicht das nicht?

Schmidt: Nein, weil Sterbebegleitung und Sterbehilfe kein Gegensatz sind. Außerdem weiß man doch, dass die Palliativmedizin, für deren Ausbau ich sehr bin, manche Fälle extremen Leidens nicht abfangen kann. Sich hier auf den Willen Gottes zu berufen, ist nicht der richtige Weg.

STANDARD: Die Furcht vor Missbrauch hat auch mit der Erinnerung an die Euthanasiemorde der Nazis zu tun. Ist das in den NS-Herkunftsländern Deutschland und Österreich nicht verständlich?

Schmidt: Durchaus, und wir müssen auch besonders vorsichtig an das Thema herangehen - aber ohne zu tabuisieren. Ich fürchte jedoch, dass die historische Verantwortung beim Thema Sterbehilfe bei uns im Unterschied zu Deutschland ein vorgeschütztes Argument ist. Bei uns geht es vor allem um die Rolle der katholischen Kirche.

STANDARD: So wie in Italien? Dort haben sich der Vatikan und Ministerpräsident Silvio Berlusconi im Fall der inzwischen verstorbenen Komapatientin Eluana Englaro ja massiv dagegen ausgesprochen, die künstliche Ernährung abzudrehen.

Schmidt: Richtig, mit dem Unterschied, dass es bei uns keinen Politiker von vergleichbarem Einfluss wie Berlusconi in Italien gibt. Dafür ist der Einfluss der Kirche beim Thema Sterbehilfe bei uns überraschend stark, zumal das in der Bevölkerung ja fast eine Mehrheit anders sieht.

STANDARD: 49 Prozent würden liberalere Sterbehilferegelungen befürworten. Aber nur ein Bruchteil trifft persönlich Vorsorge und füllt eine Patientenverfügung aus. Ist das kein Widerspruch?

Schmidt: Das Ausfüllen einer Patientenverfügung ist eine Wissenschaft für sich, das habe ich selber erlebt. Und mangelnde Vorsorge ist kein Argument gegen Sterbehilfe. Das erinnert mich an Unterstellungen in der Abtreibungsdiskussion: Wenn einzelne Frauen verantwortungslos abtreiben, kann man doch nicht alle kriminalisieren.

STANDARD: Was müsste sich in Österreich bei der Sterbehilfe ändern?

Schmidt: Vor allem sollte wieder eine politische Debatte in Gang gesetzt werden, um die Erfahrungen aus anderen Ländern zu evaluieren - und eine passende Lösung für Österreich zu finden. (Irene Brickner, DER STANDARD - Printausgabe, 10. April 2009)

 

Zur Person
Die Juristin Heide Schmidt (60) gründete 1993 das Liberale Forum. Sterbehilfe war eines der zentralen Themen der Liberalen. Derzeit ist Schmidt Chefin des Instituts für eine offene Gesellschaft.

  • Die liberale Ex-Politikerin Heide Schmidt ist derzeit Chefin des Instituts für eine offene Gesellschaft.
    foto: standard/christian fischer

    Die liberale Ex-Politikerin Heide Schmidt ist derzeit Chefin des Instituts für eine offene Gesellschaft.

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