"Massenschlägerei", die gar nicht stattfand

1. April 2009, 18:25
47 Postings

Medienberichte über Gewalt im Flüchtlingslager Traiskirchen mobilisierten FPÖ und BZÖ – aber sie waren falsch

70 Beamte seien ausgerückt, auch vom EKO-Cobra. Das habe "Aufsehen erregt", erklärte Franz Wendler, Leiter der kriminalpolizeilichen Abteilung der NÖ Sicherheitsdirektion.

***

Traiskirchen - Blaulicht, Sirenen und das Quietschen von Autoreifen alarmierten Dienstagabend Anrainer in der Nachbarschaft des Flüchtlingslagers Traiskirchen. Zwischen 18.50 Uhr und 20.30 Uhr trudelten dort hintereinander zwölf Polizeiautos ein, Pkws ebenso wie vollbesetzte VW-Busse. Am Ende waren rund 70 Beamte da. 

Anlass des Großeinsatzes sei eine "Massenschlägerei" mit "Dutzenden Schwerverletzten" im Lager gewesen: Ein Streit unter "Moldawiern" habe die "Wild-West-Szenen" ausgelöst, titelte daraufhin am Mittwoch die Kronen Zeitung unter Berufung auf einen anonym bleibenden Polizisten. Mehrere Medien übernahmen die Story in nur leicht abgewandelter Form, Heinz-Christian Strache (FPÖ) und Martin Strutz (BZÖ) ließen sich bereits über das Scheitern der Asylpolitik aus - bevor einsetzende journalistische Recherchetätigkeit einen recht anderen Ablauf der Dinge ans Tageslicht brachte. 

"Ich habe die Ereignisse Dienstagabend im Lager so ziemlich von Anfang an mitbekommen. Zuerst gab es in einer Gruppe von rund 20 afghanischen Burschen eine Rauferei, die in eine lautstarke Diskussion überging", schildert etwa Wilhelm Brunner, Sprecher der Firma European Homecare, die in der Erstaufnahmestelle die Flüchtlingsbetreuung organisiert.

Verstärkung angefordert

Dutzende Lagerbewohner seien um die Jugendlichen im Kreis gestanden, ohne tätlich zu werden. Um 18.40 Uhr dann habe die Wache die örtliche Polizei informiert, die Verstärkung angefordert habe: „Als ich kurz nach 20 Uhr über die Südautobahn nach Hause fuhr, kamen mir immer noch Polizeiwagen mit Blaulicht entgegen." Verletzt worden, so Brunner, sei an diesem Abend im Lager niemand. 

Sachbeschädigung an einem Auto

„Verletzte gab es keine", bestätigt Franz Wendler, Leiter der kriminalpolizeilichen Abteilung der NÖ-Sicherheitsdirektion. Noch vor den „Unmutsäußerungen im Lager" sei es an einem Straßenrand außerhalb zu einer „ Sachbeschädigung an einem Auto" durch einen jungen Afghanen gekommen - „da war Alkohol im Spiel".

Diskussionen unter Landsleuten

Der Jugendliche sei „vorübergehend festgenommen" worden. Das habe zu „Diskussionen unter seinen Landsleuten" geführt. Die Proteste hätten „ins Bedrohliche zu kippen gedroht". Also habe man Verstärkung angefordert.

Gerüchte

In der Folge seien vier weitere Jugendliche kurz in Gewahrsam genommen worden. „Immerhin hat es in Traiskirchen schon eine Reihe gewalttätiger Zwischenfälle gegeben", begründet Wendler den Großeinsatz. Die Berichte über die „Massenschlägerei" kann er sich nur mit „Gerüchten" erklären, „denen unhinterfragt geglaubt worden ist". Das jedoch sei „wohl eine Frage journalistischer Ethik". (bri, DER STANDARD Printausgabe 2.4.2009)

  • Es gab keine Massenschlägerei, bestätigte Franz Wendler, Leiter der kriminalpolizeilichen Abteilung der NÖ 
Sicherheitsdirektion.
 Außerhalb des Lagers sei es zu einer Kfz-Sachbeschädigung gekommen, für die ein junger Afghane als Verdächtiger galt. Eine Amtshandlung der Polizei war die Folge. Dabei hätten sich etwa 100 afghanische Asylwerber mit ihrem jugendlichen Landsmann solidarisch erklärt. Es sei zu Unmutsäußerungen gekommen, so Wendler. "Alles andere sind Vermutungen."
    foto: standard/möseneder

    Es gab keine Massenschlägerei, bestätigte Franz Wendler, Leiter der kriminalpolizeilichen Abteilung der NÖ Sicherheitsdirektion.

    Außerhalb des Lagers sei es zu einer Kfz-Sachbeschädigung gekommen, für die ein junger Afghane als Verdächtiger galt. Eine Amtshandlung der Polizei war die Folge. Dabei hätten sich etwa 100 afghanische Asylwerber mit ihrem jugendlichen Landsmann solidarisch erklärt. Es sei zu Unmutsäußerungen gekommen, so Wendler. "Alles andere sind Vermutungen."

Share if you care.