ORF-Krise: Rettet die Wale?

31. März 2009, 18:46
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Wie es vom Küniglberg zurückschallt, wenn besorgte Prominenz mittels eines Manifests zur "Rettung des ORF" nach einer Neugründung des Unternehmens rufen - Von Betriebsratschef Gerhard Moser

"Rettet den Wald" hatten wir - meines Wissens - in den frühen Achtzigerjahren. "Rettet den Sonntag" haben wir seit wenigen Wochen, und seit Montag heißt es auch "Rettet den ORF".

Nicht dass ich was gegen "Bruder Baum", "kirchliche Sonntagsruhe" oder gar gegen jenes Medienunternehmen habe, in dem ich seit 20 Jahren beschäftigt bin.

Im Gegenteil.

Aber ich habe etwas gegen "SOS"- und "Rettungs"-Initiativen einer selbsternannten Zivilgesellschaft, die sich offenbar immer dann zu Wort meldet, wenn die tatsächlichen, gesellschaftlichen Missstände enorm sind und das eigene, bürgerliche Unvermögen noch größer ist.

Gedächtnisverlust?

Zur Klarstellung: Die von etlichen "unabhängigen" österreichischen Zeitungen und Zeitschriften verbreitete und von einem sogenannten "Proponentenkomitee" getragene "ORF-Rettungs-Aktion" ist eine durchwegs respektable Sache. Sofern man sich auf Überschriften und Schlagzeilen beschränkt: weniger Werbung, besseres Programm, mehr Geld vom Staat.

Und ansonsten klingt es ja öffentlich auch ganz gut, wenn man "der Sanierungsfall ORF", "der ruinöse Zustand des ORF" ruft und schlussfolgert, "der ORF muss gesundschrumpfen, um zu überleben" und "Österreich" müsse sich "die Schande einer medialen Zukunft ersparen, wie sie in postkommunistischen Staaten oder im Berlusconi-Italien herrscht".

Geht man in den Text dieses "Manifests" hinein - wie es so schön hermeneutisch heißt - steigen einem die weniger appetitlichen "Grausbirnen" auf:

Ich frage nicht, warum "der ORF" - trotz vorhandenen Eigenkapitals - "ein Sanierungsfall" wäre; auch nicht warum "der Zustand" ein "ruinöser" sei. Nein. Ich nehme zur Kenntnis, dass "heillos überforderte Leute" dieses Unternehmen "führen". Klar. Unter dem "alten Tiger Bacher" (Copyright: Drahdiwaberl) hätte es das selbstverständlich nicht gegeben. (Gerd Bacher ist ein Mitglied dieses "Proponentenkomitees".)

Ich nehme auch zur Kenntnis, dass aus "betriebswirtschaftlichem Unsinn" angeblich 1400 Mitarbeiter/innen angestellt worden wären, und der Betriebsrat den "gegenwärtigen Zustand" verteidige.

Ebenso fließend, wie die Grenzen zwischen Betriebswirtschaft und Arbeitsrecht verlaufen, scheinen auch die Konturen zwischen relativer Denkunschärfe und absolutem Gedächtnisverlust zu verschwimmen. Es waren 1257 Menschen - ich habe es nachgezählt - und knapp die Hälfte davon, die davor jahrelang "ORF-fulltime-jobs" (allerdings nicht zu den generösen Bedingungen wie etliche "Aufrufsproponenten" von B - wie Brandstaller - über H - wie Huemer - bis zu P - wie Payrleitner und S - wie Schulmeister) ausgeübt haben, wurden als "Teilzeitkräfte" zu weit schlechteren Bedingungen als jene Zeitgenossen angestellt, die jetzt aus sicherer ORF-Pensions-Ferne "die Neuen" wieder hinauswerfen wollen.

Bemerkungen über ORF-Stiftungsräte, die damals, 2003, für eine Reparatur des von Gerd Bacher und Co jahrelang zelebrierten Unrechts gestimmt haben (H. Rabl-Stadler, auch "Proponentin") oder es in der Hand gehabt hätten, diese Ungleichbehandlung abzustellen (P. Radel, "Proponent"), möchte ich mir hier ersparen.

Von Punkt zu Punkt ließe sich eine seriöse Kritik dieses "Manifests der ORF-Retrogarde" weiterführen. "Neue Kollektiverträge, die den ORF konkurrenzfähig machen", steht da auch drinnen. Entschuldigung, welche? Diese "Gewerbe-" oder sonstigen "Marketing"-KVs, in die jene "unabhängigen" Medien, die sich jetzt für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk stark machen, seit geraumer Zeit ihre Journalisten stecken oder stecken wollen? Bravo!

Aufruf der Stunde

Zum Schluss, und der schmerzt (mich) noch mehr:

Was treibt Kulturschaffende, Intellektuelle und Schriftsteller - von Andrea Breth über Robert Menasse bis zu Franz Schuh - dazu, sich einer nicht einmal grammatikalisch korrekten, dafür aber sozial impertinenten "Initiative" hinzuzugesellen?

"Rettet die Wale!" hieß eine großartige CD der Österreicherin "Gustav", erschienen vor gut drei Jahren.

"Rettet die ORF-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor den Walen" - pensionärer, politischer und kommerzieller Natur -, das wäre der Aufruf der Stunde. (Gerhard Moser, DER STANDARD; Printausgabe, 1.4.2009)

 

Zur Person
Gerhard Moser ist ORF-Ö1-Journalist und derzeitiger Vorsitzender des ORF-Zentralbetriebsrates.

"Rettet den ORF!"

Das Manifest im Wortlaut

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    Betriebsrat Moser steigen die "Graus-birnen" auf.

  • Nach einer SOS-Symbolik, die dem realen Gefährdungszustand entspricht, wird betriebsintern derzeit noch gesucht ...
    foto: friesenbichler

    Nach einer SOS-Symbolik, die dem realen Gefährdungszustand entspricht, wird betriebsintern derzeit noch gesucht ...

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