"Raketen so passé wie Überseepost"

29. März 2009, 18:37
7 Postings

Das Pentagon zweifelt am Sinn eines Raketenabwehrsystems, das bisher die Nato-Mitglieder spaltete

Noch vor einem Jahr, beim Nato-Gipfel in Bukarest, hat die US-Regierung als großen Erfolg verkauft, dass die Verbündeten in Europa endlich die Bedeutung der Bedrohung durch einen ballistischen _Raketenangriff erkannt hätten - im Klartext: ihre Zustimmung zum Aufbau eines Raketenschilds in Osteuropa gegeben hätten. Nun stellt ein US-General einen solchen Schild als altmodischen Unsinn dar. Die US-Regierung hat gewechselt und mit ihr auch offensichtlich das technische Verständnis.
Sicherheitsexperten grübeln noch, was James Cartwright, der Vizechef der Armeeführung, gemeint hat, als er vergangene Woche vor einem Publikum von Raketenabwehrspezialisten erklärte: „Ballistische Raketen sind so passé wie Überseepost. Niemand macht heute noch so etwas. Kein Dummkopf, kein Feind draußen wäre so idiotisch, uns auf einer Flugbahn mit Minimalenergie anzugreifen."

Cartwrights Äußerung hat vor allem die Vertreter der US-Rüstungskonzerne überrascht. Schließlich pumpte die US-Regierung des früheren Präsidenten George W. Bush am Ende zehn Milliarden Dollar jährlich in das Programm zur Entwicklung eines Raketenabwehrsystems, von dem Teile - wie vertraglich von Washington zugesichert - in Tschechien und Polen stationiert würden.

Mehr noch als die deswegen gestörten Beziehungen zu Russland hat die Finanzkrise nun einen radikalen Kurswechsel im Pentagon eingeleitet. Das bisher konzipierte Abwehrsystem, das eine aus dem Iran oder Nordkorea anfliegende Rakete abschießen sollte, wird von Entscheidungsträgern im US-Verteidigungsministerium als pure Verschwendung angesehen. „Würden Sie in Zeiten der Wirtschaftskrise etwas kaufen, das eine einzelne Aufgabe gut erledigt oder das 100 Aufgaben gut erledigt?", fragte James Cartwright, der US-General in die Runde und hatte natürlich eine Antwort.

Neue Modelle

Die technischen Debatten über einen Raketenschild dürften sich nun in zwei Richtungen bewegen: seegestützte, auf Kriegsschiffen stationierte Abfangraketen, die bereits halbwegs erprobt sind und gegebenenfalls bei einem nordkoreanischen Raketentest in den nächsten Tagen vor Japan zum Einsatz kommen; Abwehrsysteme mit Laserwaffen, die aus großer Höhe mehrere Raketen treffen sollten. Boeing und Lockheed, zwei US-Konzerne, die bisher in die Entwicklung eines Raketenschilds investierten und mit Aufträgen des Pentagon bedacht wurden, sollten sich entsprechend neu orientieren, lautet der Rat aus der US-Regierung. Bis zum Beginn des neuen Haushaltsjahrs am 1. Oktober will die Regierung von Barack Obama jedenfalls ihr Urteil über den bisher geplanten Schild in Osteuropa sprechen.

Das Abwehrsystem hatte die Verbündeten in der Nato in den vergangenen Jahren gespaltet. Deutschland, Frankreich und Italien zweifelten den Sinn eines solchen Schildes an und verwiesen auf die politischen Kosten - zunehmende Spannungen mit Russland. Die Osteuropäer dagegen, in erster Linie Polen, Tschechien und die drei baltischen Staaten, sehen in dem Raketenschild eine zusätzliche und bessere Schutzgarantie der Nato gegenüber Russland, also etwas, das nie wirklich mit dem Schild beabsichtigt war.

Beim Nato-Gipfel in Straßburg wird Obama nun eine Sprachregelung finden müssen, bei der er seine Unterstützung für den Raketenschild offenlässt, gleichzeitig aber bereits gemachte Zusagen an Polen und Tschechen für militärische Hilfe im Gegenzug für deren Einverständnis zur Stationierung des Abwehrsystems bekräftigt. Das Pentagon hat derweil einen guten Tipp: Die Entwickler des Raketenschilds sollten so viele Abwehrtests wie möglich unternehmen, um die Zweifler zu überzeugen. (Markus Bernath, DER STANDARD Printausgabe, 30.3.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zu teuer, zu unsicher: Die USA zweifeln am Raketenschild.

Share if you care.