Harmlose Allergene

30. März 2009, 17:03
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Allergien verlangen ein feines Sensorium - Wer diskrete Symptome ignoriert, erhöht sein Risiko Asthmatiker zu werden

 "Je früher der allergische Marsch in Gang gesetzt wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Allergien bis ins Erwachsenenalter persistieren", resümiert Elisabeth Horak, Spezialistin für Kinderpneumologie und Allergologie am Department für Kinder- und Jugendheilkunde in Innsbruck, vorweg die klassische Allergikerlaufbahn. In den verschiedenen Lebensabschnitten eines Kindes zeigt die Allergie dabei ihr jeweiliges Gesicht: Von der Kuhmilchallergie und Neurodermitis beim Säugling, über das allergische Asthma im Kleinkindalter, bis hin zum Heuschnupfen eines Volksschülers.

Ein bedauernswertes Einzelschicksal? Mitnichten, denn mittlerweile werden 10 Prozent aller Kinder, unabhängig von ihrer genetischen Prädisposition, zu allergischen Asthmatikern. Und es kommt noch viel schlimmer wenn beide Elternteile bereits Allergiker sind. Das Risiko für den Nachwuchs ebenfalls an einer Allergie zu erkranken erhöht sich schlagartig auf fast 60 Prozent. Einen positiven Aspekt darf man dem krankmachenden Erbgut aber trotzdem abgewinnen: "Die Familiengeschichte ist ein wichtiger Wegweiser in der Früherkennung von Allergien", erklärt die Innsbrucker Kinderärztin und ergänzt, dass sich mit Hilfe präventiver Maßnahmen der allergische Marsch bereits im Säuglingsalter beeinflussen lässt.

Gene, Umwelt und Lebensstil

"Wesentlich mehr Leute entwickeln Allergien, nicht nur solche mit einer genetischen Prädisposition", weiß Fatima Ferreira, Wissenschafterin des Jahres 2008 und Spezialistin auf dem Gebiet der Allergien. Gene allein sind bekanntermaßen nicht der Grund dafür, dass das Immunsystem von zwei Millionen Österreichern derartig verrückt spielt. Faktoren wie Umwelt, Lifestyle und Wohnraumgestaltung spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle.

"Es geht darum den Link zwischen Genetik und Umwelt zu finden", definiert Elisabeth Horak ein vorrangiges Ziel in der Allergieforschung. Seit 2006 bemühen sich europaweit sechzig Forschungseinrichtungen im Rahmen der Gabriel-Studie darum genau diese Zusammenhänge zu eruieren. Horaks persönliche Visionen dazu: "Sind die Mechanismen erst einmal bekannt, dann könnten in einem weiteren Schritt Modulatoren in Tropfenform entwickelt werden. Der Säuglingsmilch beigefügt, wäre man dann in der Lage ein fehlgeleitetes Immunsystem neu zu programmieren".

Zu sauber und deshalb allergisch

Im Rahmen der erwähnten Gabriel-Studie hat die Innsbrucker Expertin mit ihrem Team bereits 27.000 Tiroler Kinder auf allergische Erkrankungen untersucht und dabei den bekannten Bauernhofeffekt bestätigt gefunden. Bauernkinder leiden nur halb so oft unter Asthma und Heuschnupfen, wie Kinder die nicht auf Bauernhöfen groß werden. Damit gewinnt auch die bekannte Hygienehypothese an Glaubwürdigkeit. Ihr pathogenetischer Ansatz zur Entwicklung von Allergien: Das typische Stadtkind von heute sitzt unter einer Glasglocke. In einer Welt ohne entsprechende Stimulation durch Mikroorganismen kann sich das kindliche Immunsystem nicht "normal" entwickeln und wird in Richtung Allergie fehlgeleitet.

"Eine logische Erklärung, Beweise dafür gibt es nicht", meint Fatima Ferreira. Ihr Zugang zur Allergieprävention ist ein naturwissenschaftlicher: "Jeder sollte lernen wie ein Forscher zu agieren". Dazu braucht es weder ein Labor noch ein Elektronenmikroskop in den eigenen vier Wänden, sondern vielmehr eine Nachschulung in der Verwendung einfacher menschlicher Sinne. "Wer die körpereigene Reaktionen auf Umweltreize wahrnimmt und zu deuten versteht, der kann in weiterer Konsequenz vielleicht sogar eigene Ideen daraus entwickeln", so Ferreira.

Saubere Impfstoffe für die Umprogrammierung

Für die gebürtige Brasilianerin selbst ist vor allem die Beobachtung so genannter Nichtallergiker von Interesse. Menschen, die weder auf Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare oder Insekten überschießend reagieren und, derer - so lassen die epidemiologischen Zahlen zumindest befürchten - es bald nicht mehr allzu viele geben wird. „Nichtallergiker sind der beste Beweis dafür, wie harmlos allergene Substanzen für den Menschen eigentlich sind", so die Expertin.

Mit Hilfe der Allergieimpfung (Spezifische Immuntherapie (SIT), Hypo- oder Desensibilisierung), wird das kranke Immunsystem allergischer Menschen erneut in die Schule geschickt und nach dem Vorbild des Nichtallergikers umprogrammiert. Damit sind Impfungen derzeit die einzige Möglichkeit Allergiker von ihrer Allergie auch nachhaltig zu befreien.

Als einziger Haken gelten die Impfstoffe, die derzeit noch in Verwendung sind. "Im Moment werden sehr grobe Extrakte in den menschlichen Organismus injiziert", erklärt Ferreira. Grob bedeutet: Der Impfstoff besteht nicht aus Einzelmolekülen, sondern aus einer Kombination verschiedener Stoffe. Die Allergie auslösende Substanz ist selbstverständlich immer dabei, jedoch weiß keiner, ob mit den groben Extrakten nicht neue Allergien gegen weitere „harmlose" Substanzen erzeugt werden. (Regina Philipp, derStandard.at, 30.3.2009)

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    Die genetische Komponente spielt bei der Entwicklung von Allergien ebenso eine Rolle wie Umwelt, Lifestyle und Wohnraumgestaltung

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