Heiße Spuren im Kalten Kaffee

27. März 2009, 20:01
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"Enthüllend" an der Debatte um Zilk ist nur eines: die Unbedarftheit und Ignoranz der Journalisten - Von Oliver Rathkolb

Um es gleich eingangs klarzumachen - ich bin kein Zilk-Fan gewesen, ganz im Gegenteil, Helmut Zilk hat einmal erfolglos versucht, nach einer Publikation eines kritischen Kommentars Bruno Kreiskys über ihn eine kleine Medienintrige gegen mich und andere zu starten. Auch habe ich den Zilk-Akt in Prag bereits Ende der 1990er-Jahre eingesehen, als weder Journalisten noch andere Historiker auf die Idee gekommen sind, die Dokumenteninhalte, die 1998 und dann nochmals 1999 diskutiert worden waren, vor Ort zu recherchieren. Das, was ich damals gefunden habe, war mir zu widersprüchlich und uninteressant, um es zu publizieren.

Entsprechend verwundert hat mich der rezente Medienhype, der sich um dasselbe Dossier entzündet hat, zu Themen, die längst heftig und kontrovers mit, für und gegen Zilk diskutiert worden waren: Selbst die genauen angeblichen Informantenhonorare waren bereits mehrfach in der exakten Höhe genannt worden - und über die Unterschriften Zilks unter Zahlungsbestätigungen wurde ebenso gestritten wie über seine Informationen und Einschätzungen über Politiker und konkrete außen- und innenpolitische Themen. Heute ist zumindest anhand konkreter Beispiele öffentlich dokumentiert, dass diese Inhalte meist durch Zeitungslektüre zu erhalten gewesen wären.

Für mich als professionellen Historiker geht daher der News-Value der aktuellen Medienschlacht - Profil gegen News und diverse Printmedien, angeführt von der Zilk-getreuen Kronen Zeitung - fast gegen null. Es gibt 2009 Kontext-Infos über die Übergaberiten von Zahlungen und die Themen, die Zilk ausgeplaudert hat und Kopien der Zahlungsbelege, ohne dass es jemand für wert befunden hätte, mittels Originalunterschriftenvergleichen (aus der Zeit) zumindest mehrere grafologische Gutachten erstellen zu lassen.

Wesentlich signifikanter ist für mich das medienpolitische Umfeld, in dem die Debatte läuft. Die Story im zweitgrößten tschechischen Boulevardblatt, Mladá fronta Dnes, am 12. März 2009 wurde erst am 23. März - also elf Tage später - inhaltlich in Österreich aufgegriffen. Die Profil-Cover-Geschichte zu "Helmut Zilk Spion" nimmt aber überhaupt keinen Bezug auf die Prager Erstveröffentlichung von Aktenkopien aus dem Zilk-Dossier. Wohl kaum anzunehmen, dass eine vergleichbare Geschichte der Bild-Zeitung ebenso lang unbeachtet geblieben wäre - bezeichnend für die österreichische Ignoranz gegenüber unseren Nachbarn.

Wer hatte Interesse an der dritten Zilk=Spion-Debatte: In Prag war es wieder ein innenpolitisches Revanchefoul an dem ehemaligen Präsidenten Václav Havel, der sich beim Zilk-Begräbnis für die ersten beiden Debatten entschuldigt hatte. Merkwürdig, dass die Behauptung in der Zilk-Story in Mladá fronta Dnes, er habe als CIA-Doppelagent gearbeitet, nicht auch die ursprüngliche angebliche Exklusiv-Story in Wien bereichert hat. Oder sollten große Teile des Zilk-Akts aus Prag einfach zugespielt worden sein?

Wäre etwas recherchiert worden, hätte sich rasch gezeigt, dass der zentrale Kontaktmann, der tschechoslowakische Kulturattaché und zur nachrichtendienstlichen Mitarbeit genötigte Jiøí Stárek, Zilk und der tschechoslowakische Fernsehdirektor Jiøí Pelikán befreundet gewesen waren. Zilk selbst sprach 1998 von seinem "Freund Stárek". Pelikán hatte damals, obwohl krebskrank, Zilk in einer Fernsehdiskussion entlastet. Stárek, der 1994 verstorben war, und Pelikán waren Schulfreunde und beide Opfer der Nazi-Schergen geworden, Stárek landete in Gestapohaft und Arbeitslager. Sein Vater wurde samt Angehörigen nach Theresienstadt und von dort nach Malý Trostinec deportiert und umgebracht.

Recherche unerwünscht?

Die Geschichte Stáreks, der Schlüsselfigur in der ganzen Affäre, wurde nicht einmal ansatzweise recherchiert, obwohl er am 21. August 1968 im ORF eine öffentliche Erklärung gegen die Invasion des Warschauer Pakts abgegeben hat. In weiterer Folge sollte Jiøí Stárek, was nicht ungefährlich war, eine wichtige Rolle für das tschechische Exil spielen, er hat mehrere Bücher zur politischen Situation in der Tschechoslowakei übersetzt beziehungsweise herausgegeben ... Und plötzlich wird aus dem bisher ständig als "naiv" und "durchtrieben" skizzierten kommunistischen Agenten ein interessanter Mann mit einer extremen und mehrfach gebrochenen Lebensgeschichte. Aber 2015 werden dann wohl weder Journalisten noch Historiker Interesse haben, seinen bis dahin gesperrten Nachlass in der Hoover Institution in Kalifornien einzusehen und den Schlüssel zur Wahrheit zu suchen. Man kann nur hoffen, dass einmal eine österreichische Zeitung, die diese Bezeichnung verdient, oder der ORF die Geschichte dieses "Spitzels" ausführlich würdigen. Stáreks Widerstand gegen die Nationalsozialisten und nach 1968 gegen das KP-Regime haben seine Agententätigkeit mehr als aufgewogen.

Sollte Zilk Geldzahlungen aus Geheimdienstquellen vor 1968 zu Unrecht abgestritten haben, ist dies schäbig, aber relativ uninteressant für seine historische Gesamtbewertung, die wesentlich wichtigere Widersprüche aufzuarbeiten hat. Sollte Pelikán, der zentrale Entlastungszeuge Zilks 1998 im ORF zugunsten seines Freundes Zilk und seines verstorbenen Schulkameraden Stárek bezüglich der Geldzahlungen gelogen haben, hängt das auch mit ihrem gemeinsamen Projekt der Stadtgespräche, das übrigens auch vom tschechoslowakischen Geheimdienst mitinszeniert wurde, und den vielen privaten Kontakten zusammen.

Spiel mit dem "Giftschrank"

Aber wer interessiert sich schon in Österreich für die lebensgeschichtlichen Hintergründe von Tschechen, die, geprägt und verfolgt von zwei Diktaturen - dem Nationalsozialismus und Kommunismus -, versuchen, einen anderen und letztlich demokratischen Weg zu gehen. Was zählt, ist die scheinbare Authentizität eines Spitzelakts eines kommunistischen Geheimdienstes, potenziert durch Zilks noch immer hohen Bekanntheitsgrad als inszenierte Medienikone.

Inzwischen wird wieder das in Ost- und Südosteuropa beliebte Spiel mit dem "Giftschrank" der Geheimdienstakten gespielt, ohne auch nur ansatzweise zu versuchen, das Umfeld der Produktion - und in vielen Fällen auch der Konstruktion von derartigen Akten, in denen Wahrheit und Lüge eng beieinander liegen, zu erforschen. Der Solidarnooeæ-Gründer und ehemalige polnische Staatspräsident Lech Wa³esa war von dieser Art von "Vergangenheitsbewältigung" ebenso betroffen wie zuletzt der tschechische Exilschriftsteller Milan Kundera.

Zur grundsätzlichen historischen Aufklärung ist sicherlich keine geschäftstüchtige Historiker-kommission "Zilk" vonnöten. Der Fall des damaligen Fernsehjournalisten ist zu unbedeutend, und zahlreiche andere europaweite kommunistische Geheimdienstoperationen wie die Kreisky-Peter-Wiesenthal-Affäre sind wesentlich wichtiger für die politische Kultur der Zweiten Republik. Aber wen interessiert schon eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem kommunistischen System im Kalten Krieg, das lässt sich nicht verkaufen. (Oliver Rathkolb/ DER STANDARD-Printausgabe 28./29. März 2009)

Zur Person

Oliver Rathkolb ist Vorstand des Insituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien und wurde 2005 für sein Buch "Die paradoxe Republik" mit dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichnet.
Historiker Rathkolb: Newswert der "Story" nahezu null.

  • Die "Causa Zilk" als Schlagzeilenlieferantin: Gut fürs Geschäft, irrelevant für die Annäherung an die historischen Wahrheit.
    foto: standard/hendrich

    Die "Causa Zilk" als Schlagzeilenlieferantin: Gut fürs Geschäft, irrelevant für die Annäherung an die historischen Wahrheit.

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