"Es wird Leistungsgerechtigkeit eingeklagt"

20. März 2009, 19:54
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Soziologe Sighard Neckel über die Auswirkungen der Krise und rechte Gruppen, die sich antikapitalistische Parolen zu eigen machen

Nachdem in der Vergangenheit wirtschaftliche und gesellschaftliche Erfolge vom Leistungsprinzip entkoppelt wurden, wird nun wieder mehr Gerechtigkeit eingefordert, sagt der Soziologe Sighard Neckel zu Adelheid Wölfl.

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STANDARD: Welche Emotionen treiben die Menschen auf die Straße, die gegen die Krise demonstrieren?

Neckel: Die Krise erreicht als Erste die, die in der unsichersten Beschäftigungsposition sind. Das ist der Grund, warum es jetzt Streiks und Unmut in der verbleibenden Arbeiterschaft und in den Industriesektoren gibt. Und das wird sich weiter steigern. Denn aus der Wirtschaftskrise wird eine Krise der Staatshaushalte, und das wird die stark im öffentlichen Sektor beschäftigte Mittelschicht treffen, die mit Kürzungen, wenn nicht auch mit Entlassungen oder Zahlungsunfähigkeiten zu rechnen hat.

STANDARD: Erwarten Sie eine Europäisierung, weil die Nationalstaaten an ihre Grenzen kommen?

Neckel: Ja, es wird sich selbst in europaskeptischen Gesellschaften wie in Österreich die Einsicht verbreiten, dass kleinere Volkswirtschaften ohne die EU bereits am Ende wären. Man ist ja existenziell auf die EU und den Euro angewiesen. Es wird also aus blanker Not und nicht unbedingt aus innerer Überzeugung eine freundlichere Haltung zur europäischen Transnationalität geben.

STANDARD: Fürchten Sie einen Konflikt in Europa zwischen West und Ost, den Reichen und den Armen?

Neckel: Es kann sein, dass populistische Bewegungen in Ostmitteleuropa, die in der Vergangenheit Politik gegen die Verwestlichung ihrer Kulturen gemacht haben, sich nun durch die vom Westen ausgehende Wirtschaftskrise bestärkt fühlen und den Westen insgesamt zum verantwortlichen Akteur der sozialen Verwerfungen machen.

STANDARD: Werden extrem rechte Gruppen mehr Erfolg haben?

Neckel: Rechte Gruppen, die sich antikapitalistische Parolen zu eigen machen. Das ist ja auch in der FPÖ in Österreich zu beobachten. Da jetzt mit Entlassungen, mit Firmenpleiten zu rechnen ist, wird das Konkurrenzkämpfe um Jobchancen oder darum, ein berechtigter Anspruchssteller für staatliche Hilfen zu sein, erheblich steigern. Dass Nordafrikaner in Sevilla durch die Gassen gescheucht wurden, das hat es ja schon vor einigen Jahren gegeben, aber alle diese Tendenzen werden gewiss bestärkt.

STANDARD: Wenn Freiheit mit dem Kapitalismus verbunden wird, wird dann mit dem Wertewandel in der Krise wieder mehr Gleichheit eingefordert werden?

Neckel: Der Spekulationskapitalismus ist darauf angewiesen, dass sich die Beträge von Mal zu Mal überbieten lassen müssen. Diese Steigerungslogik hat für alle sichtbar ihr Debakel erlebt und steht damit frei für eine öffentliche Kritik. Deshalb taucht jetzt die Forderung auf, dass Managergehälter politisch beschränkt werden sollen. Das ist Kritik an der gewachsenen Ungleichheit; aber es wird keine Gleichheitsforderung aufgestellt. Es wird nur eine bestimmte Form von Verteilungsgerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit eingeklagt, nachdem in der Vergangenheit wirtschaftliche und gesellschaftliche Erfolge vom Leistungsprinzip faktisch entkoppelt wurden.

STANDARD: Was bewirkt es, dass wir bisher noch keine Krise kannten?

Neckel: Die Krisen-Unerfahrenheit betrifft die westlichen Führungsschichten in Politik und Wirtschaft selbst: Diejenigen, die die Krisen zu managen haben, gehören ja den Jahrgängen von 1955 bis 1965 an, die das Glück hatten, keine wirklichen Krisenerfahrungen gemacht zu haben. Deshalb können wir jetzt ein soziales Experiment beobachten, wie eine Generation, die dauerhaften Wohlstand und Frieden erlebt hat, nun mit dem Einbruch der Illusion umgehen wird, dass alles so proper und friedlich weitergehen kann.

STANDARD: Und dass alles immer besser wird ...

Neckel: Ja, dass sich die Möglichkeiten, Glück, Sicherheit und Wohlstand zu erleben, steigern lassen. Und das unterscheidet gewiss die westliche Führungsschicht von der osteuropäischen, die erst in der historischen Periode des gesellschaftlichen Umbruchs gebildet wurde. Sie wurde ja durch die Revolution geschmiedet. Gerade wenn man sich die politischen Führungsschichten in Österreich anschaut, hat man den Eindruck, dass hier weiterhin gemütliche Normalitätserwartungen vorherrschen, die aber recht schnell bitter enttäuscht werden können. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.3.2009)

  • Zur Person
Sighard Neckel (52) ist Professor für Soziologie an der Universität
Wien. Im Vorjahr erschien sein Buch "Flucht nach vorn. Die
Erfolgskultur der Marktgesellschaft".
    foto: privat

    Zur Person

    Sighard Neckel (52) ist Professor für Soziologie an der Universität Wien. Im Vorjahr erschien sein Buch "Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft".

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