Welche Krise? Südtirol als eine Insel der Seligen

20. März 2009, 18:21
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Wo andere in eine tiefe Rezession blicken, rechnet die autonome Provinz Bozen für 2009 mit einem Wachstum von 1,4 Prozent

Wo andere in eine tiefe Rezession blicken, rechnet die autonome Provinz Bozen für 2009 mit einem Wachstum von 1,4 Prozent. Gleichzeitig herrscht Vollbeschäftigung. Wie das geht? Mit viel Geld aus Rom

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Sie sind rar, aber es gibt sie: europäische Regionen, deren Wachstum gegen Krise gefeit scheint. Wie's geht, macht das Wohlstandsparadies Südtirol vor. Die Arbeitslosigkeit ist dort zwar leicht angestiegen, liegt aber mit 2,6 Prozent noch immer nahe an der Vollbeschäftigung. Die autonome Provinz Bozen gilt freilich dank weitreichender Autonomie als Sonderfall und profitiert vom steten Geldfluss aus Rom, der das Steueraufkommen des Landes deutlich übersteigt.

Die Wirtschaft kann sich auf zwei robuste Standbeine stützen: einen üppigen Landeshaushalt von 5,4 Mrd. Euro und einen florierenden Fremdenverkehr, der 45.000 Menschen beschäftigt und einen Jahresumsatz von drei Mrd. Euro erwirtschaftet. Dank optimaler Schneelage dürfen sich die 4300 Hotels über eine positive Wintersaison freuen, die noch bis Ostermontag andauert. Auch für den Sommer wird eine Bestätigung der guten Auslastung des Vorjahres erwartet. "Krisen", weiß man beim Hotelier- und Gastwirteverband in Bozen, "wirken sich im Tourismus fast immer ein Jahr später aus."

Wertschöpfung bleibt großteils im Land

Das von der Landesregierung für 2009 erwartete Wachstum von 1,4 Prozent führt der Ökonom Alexander Brenner Knoll auf die "klein-strukturierte Wirtschaft zurück, in der die Wertschöpfung fast zur Gänze im Lande verbleibt." Südtirol weist noch eine weitere Anomalie auf: 20 Prozent aller Erwerbs- tätigen arbeiten im öffentlichen Dienst. "Sie sind Gehaltsempfänger und durch die Krise nicht zum Sparen gezwungen", so Brenner Knoll: "Normalerweise ist eine so hohe Beamtenzahl der wirtschaftlichen Dynamik wenig förderlich, aber in Krisenzeiten wirkt sie als Stabilitätsfaktor."

Während sich Milch- und Obstwirtschaft gut über Wasser halten, spüren vor allem zwei Erwerbszweige die drückenden Folgen der Rezession: das Transportwesen und das Baugewerbe. Der Verkehr auf der Brennerautobahn ist dank rückläufiger Exporte (Italien minus 25 Prozent) um fast ein Viertel gesunken. Die Fuhrunternehmer klagen über Verluste. Österreichs Exporte nach Südtirol allerdings bleiben rekordverdächtig. Das Land nimmt zehn Prozent der österreichischen Ausfuhren nach Italien ab - ein Exportvolumen, das mit 1,1 Milliarden Euro jenem nach Japan oder ganz Lateinamerika entspricht.

Flaute auf dem Bausektor

In Südtirols Bauwirtschaft, die seit 20 Jahren keine Krise kannte und zuletzt einen fast exzessiven Boom verzeichnete, herrscht Flautenstimmung. Jetzt will die Landesregierung die Konjunktur mit einem Investitionsprogramm von 900 Millionen Euro ankurbeln. Die Vergabe öffentlicher Bauten soll vorgezogen, Ausbau und Erhöhung von Dachgeschoßen vereinfacht werden. Großaufträge sollen in kleinere Lose unterteilt werden, um auch heimischen Betrieben die Chance auf einen Zuschlag zu geben.

Fazit: Trotz einiger Krisensymptome bleibt Südtirol eine Insel der Seligen. Reinhold Messner, der die Fremdenverkehrsgemeinde Schenna jüngst auf einer gigantischen Werbeaktion in Köln unterstützte, glaubt das Rezept zu kennen "In einer globalisierten Welt suchen die Menschen das Lokale." (Gerhard Mumelter aus Bozen, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.3.2009)

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