Schadensbegrenzung am Rand der Eurozone

18. März 2009, 19:41
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Die Slowakei, gemessen an der Einwohnerzahl weltweit größter Autoerzeuger, stöhnt unter der Krise. Die Produktion sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt. Die Zugehörigkeit zur Eurozone verhindert das Schlimmste.

Bratislava – Das Werk von PSA Peugeot Citroen in Trnava, rund 45 km von der slowakischen Hauptstadt entfernt, ist auf den ersten Blick ein voll laufender Betrieb. Täglich verlassen 850 Neufahrzeuge die Fabrik, bis September 2009 sind 13 Samstage als Arbeitstage eingeplant – als ob es keine Krise gäbe. Außer dem Peugeot 207 wird hier auch das Modell C3 Picasso produziert.

Doch seit Jahresbeginn arbeitet man nur im Zweischichtbetrieb, bis Ende 2009 sollen 190 von insgesamt 3300 Beschäftigten gekündigt werden. Die PSA-Filiale ist wohl nicht die einzige, die ihre Produktion den veränderten Bedingungen anpassen muss. Vor der Krise rechnete man im Werk von Kia Motors in der Nähe von Zilina (Nordslowakei) mit einem Dreischichtbetrieb. Jetzt überlegt man das Rückfahren auf eine einzige Schicht, die Nachfrage ist um ein Drittel gesunken.

Der größte Arbeitgeber in der Autoindustrie, die VW-Niederlassung in Bratislava mit 8500 Beschäftigten, hatte im Februar eine siebentägige Produktionspause. Die zweite ist für April angesagt. Hauptursache ist das gesunkene Interesse an Luxusfahrzeugen. VW Touareg und Porsche Cayenne werden nur von Montag bis Mittwoch produziert. An fünf Tagen in der Wochen laufen nur Skoda Octavia und Audi Q7 vom Band. Die gesamte Produktion wird jedoch kurzfristig an der Nachfrage ausgerichtet.

Lebenswichtiger Autobau

Insgesamt 33 Millionen Euro als Verschrottungsprämie setzt die slowakische Regierung aus, um die im Land ansässige Autoindustrie zu unterstützen. Eine Maßnahme, von der die sozialdemokratisch dominierte Koalitionsregierung von Robert Fico noch vor einem Monat kein Wort hören wollte. Seit Anfang des Jahres wird aber eine drastische Senkung des Autoabsatzes gemeldet, um 40 Prozent im Vergleich zum gleichem Zeitraum des Vorjahres. Die Verschrottungsprämie von 1500 Euro können nicht nur Privatpersonen, sondern auch selbstständige Unternehmer und Firmen in Anspruch nehmen. Mindestens zehn Jahre alte Autos dürfen für Modelle bis zum Preis von 25.000 Euro ausgetauscht werden, also kleine und mittlere Wagen, wie sie von Kia und PSA produziert werden.

Der Autobau ist für das Land lebenswichtig und zugleich problematisch. Mit dem weltweiten Spitzenwert von 105,7 produzierten Autos pro tausend Einwohnern ist die Slowakei völlig auf den Export angewiesen. Hunderte Klein- und Mittelbetriebe produzieren Autoteile: Elektrokabel, Fußmatten, Schiebedachteile, Lenkradhüllen, Reifen und vieles mehr.

Die Krise in der Autoindustrie schlägt auch hier massiv durch. Anfang März meldeten verschiedene Zulieferer Massenentlassungen, mehr als 1000 Menschen verloren ihre Arbeit. Prognosen sagen eine weitere Erhöhung der Arbeitslosigkeit voraus, die mit neun Prozent nach Spanien die zweitgrößte in der EU ist.

Steuernachlass, Lohnzuschuss

Außer den Stabilisierungsinstrumenten kommen auch soziale Maßnahmen zum Tragen. Aus dem Haushalt werden in diesem Jahr 332 Millionen Euro freigegeben, um die Krisenfolgen zu mildern. Arbeitnehmer auf Zwangsurlaub, die nur 60 Prozent ihre Gehalts bekommen, haben das Recht auf eine Steuerermäßigung. Ebenso Arbeitslose, die sich selbstständig machen und ein Gewerbe gründen. Pendler bekommen einen Lohnzuschuss, ebenso wie Niedrigverdiener mit einem Maximaleinkommen von 304 Euro monatlich.

Seit Anfang des Jahres gehört die Slowakei zur Eurozone, was ihr im Vergleich zu den Nachbarländern aus dem ehemaligen Ostblock bessere Aussichten beschert. In Zeiten der Krise sucht das Weltkapital die sichereren Investitionen, lautet ein liberaler Lehrsatz. Ein Euro-Land gilt allgemein als wirtschaftlich zuverlässiges Land, und daraus werden die meisten slowakischen Prognosen abgeleitet.

Die Stimmung zur der neuen Währung ist äußerst positiv: Über den Euro spricht man mit Stolz und Enthusiasmus, die Leute haben das Gefühl, man habe den Umstieg schon bewältigt. Und man fühlt sich "in der besseren Gesellschaft".

Einkaufsboom an der Grenze

Die starke Währung brachte aber zugleich eine Schwächung des Fremdenverkehrs. Die Slowakei wurde vor allem von Touristen aus Tschechien, Polen und Ungarn besucht. Jetzt ist sie für diese teuer geworden. Dafür brach aber nach der Euro-Einführung das Einkaufsfieber in den Grenzgebieten aus. Dank dem guten Forint-Euro-Kurs machen tausende Slowaken ihre Einkäufe in Ungarn. Ein Liter Treibstoff ist im Durchschnitt um 17 Cent billiger, was bei 50 Litern schon 8,5 Euro ausmacht. "Seit die Slowakei den Euro eingeführt hat, kommen immer mehr Slowaken hierher; sie stellen mehr als 50 Prozent unserer Kunden", sagt Jeresné Simkó Brigitta, eine Geschäftsinhaberin auf der ungarischen Seite.

Und nicht nur Kleinigkeiten kauft man im Ausland. Bei einem Autokauf kann man bis zu 2300 Euro sparen, man muss keine Mehrwertsteuer bezahlen und bekommt den Wagen zum Nettopreis. Ähnlich ist es an der Grenze zu Polen, wo vor allem Lebensmittel und Kleidungstücke gefragt sind. (Lýdia Kokavcová, Bratislava, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.03.2009)

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