Kroatien: Das Land hinter der Adria-Kulisse

18. März 2009, 14:56
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Ein Land wird liebevoll seziert und ein Kroatier erfunden

Gleich zu Beginn seines neuen Buches, erfindet Norbert Mappes-Niediek einen neuen Bürger, den „Kroatier", einen also, der seine Identität nicht über seine Nationalität, sondern über seine Staatsangehörigkeit definiert. Der Kroatier ist in der kroatischen Wirklichkeit noch eine ziemlich Traumfigur. Aber auch das Bild der echten Kroaten von Kroatien ist von schweren Mythen getragen. Mappes-Niediek hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Diskrepanz zwischen diesem erträumten Land und der Realität herauszuarbeiten. In dem ausgefeilten Porträt beschreibt er die Identitätssuche des kleinen Landes in seinem Verhältnis zu Europa, zum Meer und natürlich zum Balkan.

Der kroatische Antibalkanismus führe natürlich nicht zum Nicht-balkanisch-sein, analysiert der Autor, um Missverständnissen vorzubeugen, sondern direkt in den Nationalismus hinein. Mappes-Niediek weicht aber nicht der heiklen Frage aus, wo er denn nun wirklich anfange, der Balkan: „Wer von Wien nach Süden fährt und Passanten nach dem Weg zum Balkan fragt, macht die Erfahrung: Der Balkan beginnt immer im nächsten Ort", antwortet er. Und natürlich sind solche Orte demnach auch in Kroatien zu finden. Obwohl sich das Land selbst lieber als Burgmauer versteht, die den "Serbokommunismus" und den Islam von Europa abhält. Weil der Autor aber gerade den Balkan mag, erläutert er auch das Balkanische an Kroatien.

Liebevoll beschreibt er etwa wie ein Kroate, die guten Noten seines Sohnes auf einer Uni in Großbritannien stolz mit seiner Freundschaft zu einem der Professoren dort erklärt, den wirklichen Grund, nämlich den Fleiß des Studenten verschweigt er tunlichst. Denn Leistung gilt also als uncool, gute Beziehungen aber als entscheidend. Freiheit von Konventionen, Großzügigkeit, Respekt, doch niemals Unterwürfigkeit gehen mit "proletarischen Selbstbewusstsein" einher. Mappes-Niediek entwirft das Bild des Anti-Spießers, dem Ironie wichtiger ist als Entschlossenheit, das Erzählen wichtiger als das Argumentieren.

Anderswo macht sich der Autor daran, die kroatischen Adriaanrainer als Menschen zu enttarnen, denen das Meer eigentlich egal ist, weil es ohnehin den Italienern gehört. Fisch ist in der kroatischen Küche nebensächlich, erklärt er, solange Lamm- oder Rindfleisch am Tisch steht. Der Autor kneift aber auch nicht davor, zu erwähnen, dass die Kroaten laut Forbes Trinkweltmeister sind.

Vor dem Autor, der chirurgisch vorgeht, bleibt ein liebevoll seziertes Land liegen, das weder so rechts ist, wie man meinen könnte - Tudjman war immerhin ein Partisan, aber in seiner Grundbefindlichkeit eindeutig konservativ. Der Autor relativiert auch die Verantwortung der Kirche für den faschistischen Terror in der Nazizeit, kritisiert sie aber gleichzeitig als jene Institution, die einen gemeinsamen Blick auf diese Geschichte bis heute unmöglich macht.

Und er wirft ein Licht auf ein anderes zwiespältiges Kapitel, die besonderen Beziehungen zwischen Österreich und Kroatien:
„Geschäftlich herrscht zwischen Wien und Zagreb auch auf höherer Ebene herzliches Einvernehmen, seit im Krieg die Waffenschieber ihre Geschäfte über Österreich abwickelten und alle Neureichen in Graz oder Klagenfurt ihre Konten einrichteten", schreibt Mappes-Niediek.
Dann erklärt er wie in dem Nachkriegsstaat, das durch den Krieg verdiente Geld von Oligarchen etwa durch Geschäfte auf dem Immobilienmarkt „legalisiert" wurde. Beispielhaft erläutert er den Fall des ehemaligen Waffenbeschaffers Vladimir Zagorec und die Rolle der österreichischen Hypo-Alpe-Adria in Istrien.

Mappes-Niediek kann auf das reichhaltige, wohlgeordnete Archiv in seinem Kopf zurückgreifen, das merkt man dem Buch an, obwohl es so flockigleicht zu lesen ist, wie ein luftig geschlagenes Schokomus. Es gibt keinen zweiten deutschsprachigen Journalisten, der den Balkan so lange und so intensiv begleitet hat. Er kann die Geschichte der Serben in Kroatien klar und unprätenziös erklären, von den Schikanen gegen serbische Rückkehrer erzählen, die vertriebenen Kroaten hereinnehmen, ohne aufzurechnen und vor allem ohne Pathos.

Ganz nebenbei erwähnt er die Rolle von herzegowinischen Mönchen, die von Toronto aus in Kanada den Aufstieg Tudjmans finanziell unterstützten, den jetzigen Premier Ivo Sanader lobt er dafür, dass dieser das Kunststück schaffte, das Andenken an Tudjman zwar hochzuhalten, aber dessen unrühmliches Erbe zu liquidieren. Freundliche Worte findet er auch für Stipe Mesic, den jetzigen Präsidenten, der die Moral auch im Krieg über den Nationalismus stellte und insofern vielleicht dem niediekschen „Kroatier" schon ziemlich nahe kommt. (Adelheid Wölfl)

 

  • KroatienDas Land hinter der Adria-KulisseVon Norbert Mappes-Niediek Ch.Links Verlag
    foto: links-verlag

    Kroatien
    Das Land hinter der Adria-Kulisse
    Von Norbert Mappes-Niediek

    Ch.Links Verlag

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