Exit-Strategie für Manager

17. März 2009, 15:04
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Wie ein deutscher Profi-Sündenbock mit seiner Konjunkturrakete die Welt retten könnte - Eine Glosse

Für Politiker ist es praktisch gar nicht mehr möglich, sich den Ruf noch groß zu ruinieren, die Berufsbezeichnung an sich lässt oft beispielsweise Korruptionswächter schon vielsagend mit den Ohren schlackern. Der Erfolgsdruck ist zwar auch recht hoch, andererseits wiederum praktisch nichts im Vergleich zu Fällen, in denen es um nackte Existenzen geht.

Ein Top-Manager verliert im Worst Case schließlich nicht nur seinen Arbeitsplatz, sondern auch seinen guten Ruf, sehr oft unwiederbringlich, weshalb nebenbei bemerkt jede Million Euro an Prämien und Stock-Option-Vergütungen selbstverständlich in diesem Sinne als ideelle Aufwandsentschädigung, als Sachgüteraufwand für die Zurverfügungstellung des eigenen Hinterns, völlig gerechtfertigt ist. Man könnte als Manager natürlich auch argumentieren, dass der Ruf ohnehin unbezahlbar ist, und eine Entgeltung von den Aktionären folglich auch gar nicht erst einzufordern versuchen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Für Manager, denen der Chefsessel schon unter dem noch gut gepolsterten Gesäß abzusumpfen droht, für die es für einen Absprung aber schon zu spät ist, hat ein findiger Weltbürger nun jedenfalls eine völlig neue Exit-Strategie erdacht: Er übernimmt ihren Job - und für den Fall, dass die Firma tatsächlich in kurzer Zeit den Wildbach runter geht, auch die gesamte Verantwortung dafür. "Ist Ihr Hedge-Fonds in finanziellen Nöten? Ich bin Ihr Mann", inserierte der findige, anonym bleibende Deutsche, der bis Ende 2008 im Finanzsektor tätig war, ein Golf-Handicap von elf mitbringt und Mitglied in einem Jacht-Club ist, laut Financial Times Deutschland kürzlich auf einer Kleinanzeigen-Website. Das alte Management kann später unbeschadet aus der Asche steigen, schließlich ist im Preis des Profi-Sündenbocks - "Mindestkompensation 1 Mio. Dollar" - ein monströses "Mea Culpa" bei gleichzeitiger vertraglich vereinbarter öffentlicher und bei jeder Gelegenheit wiederholter Heiligsprechung des alten Managements inbegriffen. All-inclusive für Fortgeschrittene.

Die Idee ist so schlicht wie brillant, keine Frage. Mehr noch, sie könnte sich als sagenhafter Jobmotor, als Konjunkturlokomotive - ach was, als eine regelrechte Konjunkturrakete entpuppen. In einer Art umgekehrtem Pyramidenspiel könnten hunderte neu geschaffene Arbeitsplätze nach unten durchgereicht werden wie zuvor nur die faulen Wertpapiere der windigen US-Investmentbanken in die kleinstädtischen Niederlassungen gediegener deutscher Landesbanken. Hier ein Arbeitsvertrag um eine Million, dort mit Sicherheit jemand, der den Job auch für 900.000 machen würde. Der engagiert wiederum einen Nachfolger um nur noch 800.000, und so weiter... Ein revolutionäres Jobwunder!

Verfolgt man allerdings, wie unglaublich schnell die weltweite Finanzkrise mittlerweile selbst auf die provinzielle Realwirtschaft durchschlägt, wird man den Eindruck nicht los, dass einige maßgebliche Sesselwärmer schon vor geraumer Zeit auf diese Idee gekommen sein könnten. Hat der Sonderangebots-Sündenbock also nur einen Trend beschrieben? Sitzen in den Chefetagen schon seit Jahren nur noch die größten Versager jedes Maturajahrgangs? Die jetzt an ihrem Schreibtisch warten müssen, bis einer das Licht ausmacht?

Ein schauriger Gedanke. (Martin Putschögl, derStandard.at, 17.3.2009)

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