"Werde Jugendlichen nie einen Scheiß erzählen"

17. März 2009, 08:02
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SPÖ-Politikerin Tanja Wehsely über die neuen Spar-Tricks der Jugendlichen, die Hemmschwelle des Bürgermeisters und das nicht unterschreitbare Niveau der FPÖ

Tanja Wehsely gilt als führende Jugendpolitikerin in der Wiener SPÖ. Beim Kaffee in der Millennium City, einem Konsumtempel im 20. Wiener Bezirk, erklärte sie derStandard.at, wie richtige Jugendarbeit Straßenkämpfe verhindern kann, warum sich alle Wiener zu ihrer Stadt bekennen und wieso man Strache nicht auf den Leim gehen darf. Teil Eins der derStandard.at-Serie "Junge Wiener Politik". Die Fragen stellte Lukas Kapeller.

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derStandard.at: Wir haben uns für dieses Interview eine kleine Aufgabe ausgedacht: einen Ort zu suchen, der für junge Menschen in Wien steht. Wir treffen uns in der Millennium City, einem Zentrum für Shopping und schnelles Essen. Warum gerade hier?

Wehsely: Die Millennium City ist bei vielen Jugendlichen beliebt. Jugendliche gehen gern spazieren und shoppen oder zumindest "window-shoppen". Sie haben ja nicht viel Geld. Aber sie leben in der Konsum- und Medienwelt, in der wir alle leben. Die Jugendlichen entwickeln auch ihre Tricks, wie sie hier mit möglichst wenig Geld lange verweilen können.

derStandard.at: Zum Beispiel?

Wehsely: Die Jugendlichen überlegen sich sehr gute Strategien. Sie gehen zum Beispiel in Geschäfte, schnorren sich ein Plastiksackerl und geben irgendwas hinein. Somit gelten sie als Konsumenten und können ungestört in die Geschäfte gehen. Oder sie kaufen sich im Restaurant ein Getränk und gehen auf dem Klo Wasser nachfüllen - und können stundenlang hier sitzen.

derStandard.at: Jugendliche treten in Shopping Malls wie dieser in großen Gruppen auf und verbringen viel Zeit hier. Der "Kurier" berichtete im Februar über Gewalt zwischen Jugendbanden, nach dem Motto: Millennium City gegen Lugner City.

Wehsely: Junge Menschen treten nun einmal in Cliquen auf, das ist gut und normal. Wir haben sofort nachgefragt: In der Millennium City gab es keine Anzeigen bei der Polizei, in der Lugner City schon. Natürlich gibt es Gruppen, die sich aneinander reiben, es wird auch Übergriffe geben. Die Frage ist aber, wie darüber berichtet wird. Jugend fällt halt meistens auf, wenn sie brutal wird, und dafür kriegt sie dann in den Medien die „Lorbeeren".

derStandard.at: Aus der FPÖ Wien kommt der Vorwurf, die von der SPÖ propagierte Präventionsarbeit im Bereich der Jugendlichen sei gescheitert.

Wehsely: Wir haben in Wien eine der bestausgebauten Jugendarbeit-Organisationen in Europa und wahrscheinlich weltweit. Wir investieren 30 Millionen Euro im Jahr. Unser Prinzip ist halt nicht, die Jugend von Haus aus zu verurteilen und zu verunglimpfen, sondern sie ernst zu nehmen.

derStandard.at: Die FPÖ verunglimpft und verurteilt die Jugend?

Wehsely: Definitiv. Sie arbeitet auch mit unlauteren Mitteln, indem sie sich Einzelne herauspickt. Am liebsten will ich gar nicht über die FPÖ reden, das ist mir eigentlich zu fad. Mit Jugendlichen muss man reden, sie respektieren und ihnen so viel Kommunikation wie möglich anbieten. Jugendarbeit würde vor allem auffallen, wenn es sie nicht gäbe, wenn wir die Psychologen, Beratungslehrer und Psychagogen nicht mehr hätten. Zumindest fällt aber auf, dass wir nicht Zustände wie in Frankreich oder Griechenland haben, aus verschiedensten Gründen, unter anderem wegen guter Bildungs- und Jugendarbeit.

derStandard.at: Trotzdem gelang es den Freiheitlichen, bei Nationalrats- und Landtagswahlen junge Wähler sehr stark zu mobilisieren.

Wehsely: Also bei der Wiener Landtagswahl war es nicht so. Da waren wir mit 56 Prozent bei den Erstwählern Nummer eins. Es gibt da Unterschiede zwischen Bundes- und Wien-Ergebnissen. Aber bei den Erstwählern, also 16- bis 19-Jährigen, waren wir auch bei der Nationalratswahl an erster Stelle. Dem Strache gehen leider viele Leute, inklusive Medien, auf den Leim, indem sie propagieren, die Jugend sei nach Rechts gerutscht.

derStandard.at: Österreichweit punktet die FPÖ aber schon bei den Jungen.

Wehsely: Ja, aber warum: Wenn wer ähnliche Argumente benutzt wie die Jugend selber und sich dabei als 40-jähriger Spitzenpolitiker im österreichischen Parlament nicht deppert vorkommt, dann ist das ein Niveau, das man faktisch nicht unterschreiten kann. Man muss viele Sachen selbstkritisch sehen, aber eines ist schon ein ganz großes Problem von uns: Ich werde mich nie hinstellen - der Bürgermeister und die anderen Genossen genauso wenig - und den Jugendlichen irgendeinen Scheiß‘ erzählen. Da gibt es eine Hemmschwelle, und die ist auch gut. Wenn ich gegen die Ausländer, gegen „die da oben" schimpfe und wettere, zieht das halt bei manchen Kids.

derStandard.at: Was machen Sie in Wien für jugendliche Migranten?

Wehsely: Wir fordern zum Beispiel eine Doppel-Staatsbürgerschaft für junge Menschen bis 18 Jahre. Wir sagen: Sei hier zuhause und trag' deine Wurzeln mit, entscheide dich, wenn du reif genug und angekommen bist. Wir machen außerdem eine Zuwanderungskommission, die in den nächsten Wochen kommt. Da schauen wir, was Wien für eine Zuwanderung braucht.

derStandard.at: Migration wird auf Bundesebene meist im Kontext mit Sicherheit und Kriminalität diskutiert. Sie kommen aus der Sozialarbeit. Was beschäftigt junge Migranten denn wirklich?

Wehsely: Sie beschäftigt exakt dasselbe wie andere junge Menschen: Wo kriege ich eine gute Bildung her? Wie kriege ich einen Job, der mir eine Existenz sichert, damit ich mir Wohnung, Familie und ein Auto leisten kann.

derStandard.at: Die Migranten-Situation in Wien ist mit keinem Bundesland vergleichbar. In Brigittenau zum Beispiel gibt es bereits türkisch dominierte Grätzel, in anderen Bezirken leben hingegen kaum Migranten. Lässt sich da überhaupt noch was tun gegen diese Separation?

Wehsely: Das ist die Frage, ob man das als Separation sieht. Wir müssen in diesem Vereinten Europa, mit seinen vielen Nationen und Ethnien, einen Schritt weiter gehen. Wir leben in einer offenen, transkulturellen Gesellschaft. Wir haben in Brigittenau viele Migranten, aber sie sind sehr wohl integriert. Diese angebliche Parallelgesellschaft sehe ich differenzierter.

derStandard.at: Die Jugendlichen hier sprechen zum Beispiel oft Türkisch miteinander. Kann man wirklich sagen: Wien hat kein Integrationsproblem?

Wehsely: Dass auf der Straße viel Türkisch gesprochen wird, ist das ein Integrationsproblem? In New York fährt man nach Chinatown, damit man so etwas erleben kann. In Chicago feiern sie gerade groß den St. Patrick's Day, wo alle, die in der 130. Generation einmal irisches Blut hatten, sagen, sie seien irisch. Wir müssen definieren, wie weit jemand Österreicher sein und dabei andere Wurzeln haben darf. Alle Jugendlichen in Wien sagen, sie seien Wiener, aber nicht alle sagen, dass sie Österreicher sind. Irgendwas dürften wir schon in Wien geschafft haben, dass sich alle Menschen zu dieser Stadt bekennen.

derStandard.at: Einkaufszentren wie dieses sind bevölkert mit Jugendlichen. Ist die heranwachsende Generation heute oberflächlicher, vielleicht auch weniger politisch, als noch vor 20 Jahren?

Wehsely: Ich glaube das ehrlich gesagt nicht. Es gibt da zu schnelle Urteile, nach dem Motto: „Weil sich die Jugend da trifft, ist sie konsumsüchtig." Ich war zum Beispiel immer politisch, aber ich hatte viele Klassenkameraden, die es nicht waren.

derStandard.at: Was kann man gegen den Polit-Frust bei den Jungen tun?

Wehsely: Ich glaube, es gibt einen allgemeinen Politik-Frust. Man muss mit den Leuten reden. Ich gehe sehr gern in Klassen, in Jugendzentren. Ich versuche wirklich in Kontakt zu kommen. Ich bin nach wie vor draußen in den Parks unterwegs. Wenn die Leute einmal eine halbe Stunde ihren Frust ausgeschüttet haben, dann kann man mit ihnen differenziert diskutieren.

derStandard.at: Sie haben gesagt, die Stadt Wien nehme 30 Millionen Euro jährlich für Jugendarbeit in die Hand. Was passiert damit?

Wehsely: Die Grundidee der außerschulischen Jugendarbeit ist, dass man den Jugendlichen Räumlichkeiten mit einer Grundausstattung gratis zur Verfügung stellt. Computer, Internet, Drucker. Man soll dort seine Freizeit verbringen, Freunde treffen und zum Selbstkostenpreis ein Cola trinken können. Und die Erwachsenen, die du dort triffst, respektieren dich und packen dich nicht sofort an deinen Defiziten. Sie sagen grundsätzlich: Du bist okay. (Lukas Kapeller, derStandard.at, 17.3.2009)

Zur Person

Tanja Wehsely (36) begann als diplomierte Sozialarbeiterin, unter anderem beim Verein Wiener Jugendzentren, deren Obfrau sie heute ist. Von 2002 bis 2006 war sie Bezirksrätin und Jugendbeauftragte in Brigittenau, seit 2007 sitzt sie im Wiener Gemeinderat. Gemeinsam mit Peko Baxant zeichnet sie für die Jugendpolitik der Wiener SPÖ verantwortlich. Ihre ältere Schwester Sonja ist Stadträtin für Gesundheit.

  • "Wir sind nicht Frankreich oder Griechenland. Das verdanken wir auch der Jugendarbeit."
    foto: maria kapeller
    Foto: Maria Kapeller

    "Wir sind nicht Frankreich oder Griechenland. Das verdanken wir auch der Jugendarbeit."

  • "Über die FPÖ will ich eigentlich gar nicht reden, das ist mir fast zu fad."
    foto: maria kapeller
    Foto: Maria Kapeller

    "Über die FPÖ will ich eigentlich gar nicht reden, das ist mir fast zu fad."

  • Jugendliche sind treue Gäste der Millennium City - die Zigaretten wurden beim Foto versteckt.
    foto: maria kapeller
    Foto: Maria Kapeller

    Jugendliche sind treue Gäste der Millennium City - die Zigaretten wurden beim Foto versteckt.

  • Konsumieren ist hier das Mantra. "Die Jugendlichen kommen aber auch ohne Konsum durch", ist Wehsely überzeugt
    foto: maria kapeller
    Foto: Maria Kapeller

    Konsumieren ist hier das Mantra. "Die Jugendlichen kommen aber auch ohne Konsum durch", ist Wehsely überzeugt

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