Stadt Graz tritt für Diagonale-Leiterin ein
Kritik an Franz Moraks "Vergeltungsaktion"

16. September 2003, 11:08
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Wien/Graz - Als die Diagonale im März 1998 erstmals in Graz stattfand, waren die Erwartungen hoch und das Ergebnis eine freudige Überraschung: Die Veranstaltung war endlich das so lange geforderte lebendige Festival des österreichischen Films - mit im Laufe der folgenden Jahre noch stetig steigenden Zuschauerzahlen und wachsendem internationalem Renommee.

Über die Vorgänge rund um die Neuausschreibung der Intendanz zwei Wochen vor Eröffnung der Diagonale 2003 am 24. März ist man also nicht zuletzt in Graz erstaunt: Man habe, so bestätigte der noch amtierende Bürgermeister Alfred Stingl (SP) dem STANDARD, aus den Medien davon erfahren. Eingebunden gewesen sei man nicht, es habe aus Grazer Sicht auch kein Grund zu Änderungen bestanden.

Laut Stingl, der sich in Übereinkunft mit Kulturstadtrat Siegfried Nagl (VP) äußerte, vertritt die Stadt - mit rund 209.000 Euro immerhin zweitwichtigster Förderer der Diagonale - eine "sehr eindeutige Position": Das Intendantenteam Christine Dollhofer und Constantin Wulff habe das Festival zu einem großartigen Erfolg gemacht und genieße nach wie vor das Vertrauen der Stadt.

Das Argument einer Neupositionierung und Öffnung des Festivals hin zum mittel- und osteuropäischen Raum sei insofern nicht nachvollziehbar, als es eigentlich nur die bisherige Programmphilosophie widerspiegle, die wiederum der "kommunalen Außenpolitik" und den Kulturkontakten der Stadt entspräche.

Aus diesem Grund lege man Christine Dollhofer von Grazer Seite nahe, sich zu bewerben, und hoffe auf eine faire Beurteilung dieser Bewerbung unter Berücksichtigung ihrer bisherigen Leistungen.

Morak erkrankt

Der für diese Beurteilung zuständige Kunststaatssekretär Franz Morak (VP) hatte am Montagabend eine Studiodiskussion mit Dollhofer in Treffpunkt Kultur wegen Erkrankung abgesagt. Für den Vorstand des Verbandes der Filmregisseure in Österreich wandte sich inzwischen Dieter Berner in einem offenen Brief an Morak, in dem es unter anderem heißt:

"Leider drängt sich für uns der Eindruck auf, dass die Neuausschreibung des Postens eines Leiters der Diagonale mehr eine Vergeltungsaktion als eine weise politische Tat ist. Umso mehr, als ein objektives Gremium aus Produzenten, Filmschaffenden und Verleihern sich für den Weiterbestand der bisherigen Leitung durch Frau Dollhofer ausgesprochen hat. (...)

In diesem Sinn hoffen wir, dass Sie sich darauf besinnen, dass Sie als Vertreter der Künstler und ihrer Meinungsvielfalt in die Regierung geholt worden sind, und dass Sie unsere Vorschläge für die Neubestellung dieses für das österreichische Filmschaffen so wichtige Festival sehr ernst nehmen werden." (DER STANDARD, Printausgabe, 12.3.2003)

Von Isabella Reicher
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