Die Grenzen der Telekratie

30. Jänner 2004, 13:42
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Trotz seiner Medienmacht gelingt es Berlusconi nicht, Italien vom Irakkrieg zu überzeugen

Der drohende Krieg hatte in den vergangenen Tagen Sendepause. San Remo war ausgebrochen. Das italienische Fernsehen berichtete praktisch permanent über die neuesten Wendungen im Schnulzenkontest an der Riviera. Pippo Baudo, der Zeremonienmeister des Festivals, und seine leicht geschürzten Kopräsentatricen dominierten die Mattscheiben in den italienischen Wohnzimmern. Seit Sonntag allerdings ist Saddam Hussein zurück. Der Raís, so nennen die Italiener den "Präsidenten" jovial, gibt wieder den Ton an - wie seit Monaten im TV und auf den Aufmacherseiten der Zeitungen.

Eigentlich sollte es für Silvio Berlusconi, den Medienpremier und ersten Kriegskiebitz des Staates, unter solchen Auspizien ein Leichtes sein, den Italienern eine Irakintervention "zu verkaufen". Allein: Der Mailänder Magnat sitzt trotz seiner Medienmacht in der Bredouille - so sehr, dass er Nerven zeigt und bereits lautstark die "gefährliche Desinformation der Pazifisten" beklagt hat.

80 Prozent der Italiener sind gegen einen Krieg am Golf. Weder Berlusconis bis vor kurzem uneingeschränkter Zugriff auf die öffentlich-rechtliche Rai noch seine eigenen kampagnenerprobten Kanäle konnten die Stimmung drehen. Die italienische Telekratie, so scheint es, hat ihre Grenzen dort, wo es darum geht, einmal nicht Meinungen zu verstärken, sondern sie umzukehren.

Ein gutes Beispiel für die dieses Mal nicht funktionalisierbare Meinungsmachmaschine TV ist die Rai selbst: Lilly Gruber, Anchorwomen der wichtigsten Hauptabendnachrichtensendung "TG1", tut ebendas, was alle TV-Medien derzeit in Bagdad machen: Sie demonstriert vor Ort beredte Ahnungslosigkeit.

In den Printmedien aus dem Mondadori-Reich Berlusconis, insbesondere im Wochenmagazin Panorama, finden sich zwar einige scharfe Stellungnahmen für einen Krieg. Die Geschichten über das "schmutzige Spiel des Kalifen von Bagdad" reichen für eine zünftige Kriegsstimmung aber lange nicht aus. Indes schlägt im unabhängigen, konservativen Corriere della Sera das Pendel zunehmend zugunsten der Kriegsgegner aus. Die linksliberale Espresso-Gruppe (Repubblica, Wochenmagazin Espresso) dagegen fuhr immer schon auf Antikriegskurs.

Am deutlichsten aber haben sich die Medien des Vatikan positioniert: Der Osservatore Romano, Radio Vatikan und die Famiglia Cristiana sind auf strikter Friedenslinie. Mario Agnes, der Chefredakteur des Osservatore, sagte unlängst in einem Interview über die USA-freundliche Politik Berlusconis: "Ich bin enttäuscht. Man kann nicht zugleich für Frieden und einen Militäreinsatz sein. Wenn man für den Frieden ist, muss man ohne Wankelmut dafür arbeiten." Und dieser "Wankelmut" könnte dem Premier nachhaltig schaden. Denn Italien kann niemand gegen den Vatikan regieren, selbst wenn er mächtige Freunde in Amerika hat. (DER STANDARD, Printausgabe vom 11.3.2003)

Von Christoph Prantner
  • Teil 6 der Serie

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    Silvio Berlusconi

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