Rundschau: Hobbit reloaded

    21. März 2009, 13:36
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    "Disturbania", "Profit", Neues von Sheri S. Tepper, A. Lee Martinez, Stephen Hunt, Christian Kracht und David Wellington, Wiederaufgelegtes von Wolfgang Jeschke, J.R.R. Tolkien und Clive Barker

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    coverfoto: edition phantasia/bellheim

    Clive Barker: "Gewebte Welt"

    Broschiert, 686 Seiten, € 23,60, Edition Phantasia 2008.

    1987 geschrieben und 1992 mysteriöserweise unter dem Titel "Gyre" zum ersten mal auf Deutsch erschienen, stammt "Weaveworld" aus Clive Barkers bester und produktivster Phase. Unglaublich, was der Engländer zwischen 1984 und 1990 alles veröffentlicht hat: Von den "Books of Blood" über "Damnation Game" und die "Hellraiser"-Vorlage bis zu "Cabal" und "The Great and Secret Show". Knapp zwei Jahrzehnte später ist "Weaveworld" unter passenderem Titel und in überarbeiteter Übersetzung noch einmal herausgegeben worden - unter Barkers guten Romanen einer der allerbesten und eine unbedingte Empfehlung.

    Viel zufälliger als der 26-jährige Versicherungsangestellte Cal Mooney aus Liverpool kann man nicht aus seinem Alltag gerissen und in eine neue Welt eingeführt werden: Auf der Jagd nach einer entflogenen Zuchttaube stürzt er von einem Haus auf einen ausgebleichten Teppich, den Möbelpacker im Hof ausgebreitet haben - und erhascht damit einen ersten Blick auf die Fuge. - Ich habe das Wunderland gesehen, wird ihm danach nicht mehr aus dem Kopf gehen, und Cal setzt alles daran die Fuge wiederzusehen. Zu ihm stößt Suzanna Parrish, die als Enkelin der letzten Bewahrerin des Teppichs ein unerwartet verantwortungsvolles Erbe antreten muss. Denn die Fuge ist das letzte Rückzugsgebiet eines zauberisch begabten Teilzweigs der Menschheit, des Sehervolks: Von Grund auf anarchisch und den regelsüchtigen Menschen - die sie verächtlich Cuckoos nennen - misstrauend, lebten sie über die Jahrtausende hinweg an den Rändern der Gesellschaft, bis sie im Jahr 1896 ihre letzte Fluchtmöglichkeit antraten und die Fuge schufen: Ein wildes Sammelsurium aus den Resten ihrer einstigen Heimatgebiete, durch Magie zu einer chaotisch-paradiesischen Einheit verwoben, deren Ankerpunkt in der Realität Suzannas Teppich ist.

    Unversehens werden die Seher aus ihrem fast 100-jährigen Schlaf gerissen, als der Teppich in unbefugte Hände gerät: Die Renegatin Immacolata hat den Sehern Rache geschworen, nachdem diese ihren Herrschaftsanspruch ablehnten. Gemeinsam mit dem raffgierigen Händler Shadwell - einem Menschen - und einigen nicht-menschlichen Geschöpfen von erlesener Widerwärtigkeit macht sie sich an die Vernichtung der Fuge. Cal und Suzanna stellen sich ihnen entgegen und werden dabei mit einem neuen Feind konfrontiert: dem faschistoiden Polizisten Hobart, der mit Shadwell eine verheerende Allianz eingeht. Und den Sehern steht nicht nur ein gezielt eingesetzter heiliger Krieg bevor - auch die Geißel, jenes übernatürliche Wesen, vor dessen Vernichtungsfeldzug sie sich ursprünglich in die Fuge geflüchtet haben, wird neuerlich heraufbeschworen.

    "Weaveworld" bietet Barker at his best: Dessen Ursprünge im Horror klingen noch in zahlreichen blutigen Szenen nach - zugleich war der Roman ein erster großer Schritt in Richtung Fantasy. "Weaveworld" ist aber noch deutlich kompakter als das spätere Opus magnum "Imajica", das neben aller Größe eben auch die typischen Schwächen des Breitwand-Formats zeigt. Und wie im handlungsbezogen fast parallelen "Cabal" und auch schon in einigen Geschichten der "Books of Blood" geht es um eine faszinierende Subkultur, die sich in den Zwischenräumen der Mainstreamgesellschaft verbirgt. (Nebenbei gesagt war es spannend zu sehen, wie viele überraschte Reaktionen Barkers Coming-out in den 90ern hervorrief ...) Und auch wenn im Hintergrund eine höllische/himmlische Entität wie die Geißel schwebt - wie in "Cabal" geht auch hier die eigentliche Gefahr von Menschen aus: In Umkehrung der üblichen Horror-Prämisse bringt nicht das Eindringen der übernatürlichen Welt in die unsere das Verhängnis über uns - die Bedrohung sind wir.

    Wie schon gesagt: eine unbedingte Empfehlung!

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