"Hoffen und beten"

5. März 2009, 17:16
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China kämpft mit der Stagnation, das birgt laut dem China-Experten Eberhard Sandschneider viel sozialen Sprengstoff

Standard: Wie ist die Lage in der "Werkbank der Welt"?

Sandschneider: China‘s Realwirtschaft ist viel stärker von der Krise betroffen als Europa. Jetzt meldet man positive Signale, dass China es als erster aus der Krise schafft. Die Zahlen die China liefert, kann man aber nicht glauben. Selbst wenn China wie kolportiert fünf Prozent wächst, ist das vergleichbar mit einer Rezession bei uns. Die Exporte, von denen China lebt, sind weggebrochen und die Binnennachfrage funktioniert nicht.

STANDARD: Wie kann man in so einem Umfeld die Binnennachfrage ankurbeln?

Sandschneider: Keiner kann sagen, ob die Konjunkturpakete greifen und ob es gelingt, die kritische Masse von nicht mehr beschäftigten Wanderarbeitern, die nach dem chinesischen Neujahr in die Städte zurückkehren und Jobs suchen, dauerhaft ruhig zu halten. Die drohenden sozialen Unruhen sind das eigentliche Risiko.

STANDARD: Ist damit die Fantasie von China dahin?

Sandschneider: China versucht, das Vertrauen der Bevölkerung zu stabilisieren. Da wird im Moment aber auch viel schön geredet und entsprechende Signale ausgesendet. In Wirklichkeit macht China dasselbe wie wir: hoffen und beten.

STANDARD: Es heißt, die Auftragsbücher in China füllen sich wieder, und schon geht an den Börsen eine Kupfer-Rally los...

Sandschneider: Wer sich daran beteiligt, hat nicht verstanden, wie China tickt.

STANDARD: Wie tickt China?

Sandschneider: China muss wachsen, um die Bevölkerung zu ernähren. Das chinesische Konzept lautet maximale Stabilität und pragmatische Verbesserungen. In Deutschland würden wir nie auf Grundgesetzartikel verzichten, um wirtschaftliches Wachstum zu erzielen. In China wird das gemacht. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2009)

Zur Person

Eberhart Sandschneider leitet das Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

  • Eberhart Sandschneider
    foto: knoll

    Eberhart Sandschneider

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