Clemens Zeller, einerseits untauglich

7. März 2009, 19:19
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Sechs Österreicher und eine Österreicherin in Turin dabei. Clemens Zeller ragt aus dem Aufgebot heraus - nicht nur deshalb, weil er sich Medaillenchancen ausrechnet

Turin/Wien - Da gibt es Beispiele sonder Zahl. Junge Österreicher, die es, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt zum Bundesheer zieht, die aber dennoch eingezogen werden. Der 24-jährige Clemens Zeller ist anders. Er will zum Bundesheer und kommt nicht hin.

Als hoffnungsvollster österreichischer Leichtathlet liegt Zeller in der Europa-Jahresbestenliste über 400 Meter mit 46,27 Sekunden auf Rang fünf. In Turin bestreitet er heute, Freitag, seinen EM-Vorlauf, auch das Semifinale am Nachmittag und das Finale am Samstag hat er eingeplant, bei günstiger Bahneneinteilung sieht er sich "als Medaillenanwärter". Wie vielen anderen Spitzensportlern würde ihn ein Bundesheer-Engagement finanziell absichern. Doch Zeller ist diesbezüglich nicht abgesichert, ist auf die Sporthilfe und seine Eltern angewiesen, die ihn unterstützen. Clemens Zeller hat eine Lebensmittelallergie, nach drei Tagen Bundesheer wurde er untauglich geschrieben.

Bei seiner Musterung hatte der Niederösterreicher die Allergie, eigentlich mehrere Allergien (gegen Äpfel, Milch, Nuss, Gräser, Roggenpollen, Koffein, tierische Fette), die ihn seit 15 Jahren beschäftigen, klarerweise zu Protokoll gegeben. Das Bundesheer nahm darauf genau gar keine Rücksicht. Mitgefangen, mitverköstigt. Zeller: "Ich hab drei Tage lang nur gespieben." Dann hat er abgerüstet. Wobei er noch immer auf eine neuerliche Verpflichtung hofft. Vielleicht spielt ihm in die Hand, dass der Verteidigungs- und der Sportminister neuerdings quasi de facto ein Herz und eine Seele sind. Die Grundausbildung müsste er halt überstehen, ansonsten hat er längst gelernt, sich selbst zu bekochen. Zu Wettkämpfen bringt er seine eigene Verpflegung mit, Buffets geht er aus dem Weg.

Vorerst konzentriert sich Zeller auf Turin. "Was ich mittlerweile auf die Bahn zaubern kann, ist sehr erfreulich", sagt er. Ein Wendepunkt war im Vorjahr die verpasste Olympia-Qualifikation. "Seither bin ich mutiger geworden. Früher hab' ich mir oft überlegt, was im Rennen alles schiefgehen könnte." Nun läuft er die 400 Meter flotter an, den ersten 200er nicht mehr in 22,5 bis 23, sondern in 21,5 Sekunden. "Und jetzt weiß ich auch, warum viele den 400er verfluchen. Wenn du schnell beginnst, können die letzten 150 Meter verdammt weit werden."

In Turin hofft er auf eine günstige Auslosung, die Innenbahn kann ihm gestohlen bleiben. "Mit Pech ist es schnell vorbei, mit Glück ist viel möglich." Auch die Verbesserung des zehn Jahre alten österreichischen Rekords von Christoph Pöstinger (46,14).

Pöstinger hält auch im Freien den 400-m-Rekord (45,80), da kam ihm Zeller schon auf 0,15 Sekunden nahe. Spätestens nach der WM im August in Berlin will er Rekordhalter sein. Eine lange geplante Schulteroperation hat er in den Herbst verschoben. Auch Trainer Edi Holzer meint, die Hallenzeiten seines Schützlings würden viel für die Freiluftsaison versprechen. Und die linke Schulter, die sich Zeller im Herbst zweimal ausgekegelt hatte, einmal beim Gewicht-stemmen, einmal beim Vorwärtssalto, behindert ihn weder am Start noch beim Laufen.

"Irgendwann" gerät Zeller wohl nach den Eltern, die Lehrer sind. Sein PädAk-Studium (Sport, Mathematik) will er im Sommer abschließen. Zumindest bis zu den Olympischen Spielen 2012 soll der Sport dann Vorrang haben - London, dort will Clemens Zeller hin. "Und dort komm' ich auch hin." (Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 6. März 2009)

 

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    Flotter als früher geht Zeller seine 400-m-Rennen an. Schneller als früher ist er auch im Ziel.

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