Das volksmusikalische Gesicht der Avantgarde

4. März 2009, 17:33
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Hans Landesmann über die erste Salzburger Biennale

Wien - Chef des Wiener Konzerthauses. Kaufmännischer Direktor und Konzertchef der Salzburger Festspiele. Musikchef der Wiener Festwochen. Und er hat auch die Umwandlung des Theaters an der Wien in ein Opernhaus mitorgansiert. Weil Hans Landesmann all dies war, wäre es nur verständlich, wenn so jemand nun als längst "freier Mann" vor allem einen Wunsch hegte: nämlich mit der Szene nichts mehr zu tun zu haben. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.

Kaum ein wichtiges Konzert, bei dem er nicht im Publikum säße. Wenn er erzählt, wie Riccardo Muti während einer Darbietung auf ein störendes Handy reagierte ("Muti hat sich umgedreht und gesagt: ‚Nehmen Sie das Gespräch doch bitte ruhig an!‘" ), dann erkennt man an der enthusiasmierten Heiterkeit, dass Konzerte für Landesmann nach wie vor jene Erlebniswelt darstellen, die für ihn als Routinier immer noch überrascht.

Dennoch: Gern ins Konzert zu gehen ist eine Sache. Warum aber gründet Landesmann nun wieder ein Festival? Die Salzburger Biennale präsentiert ab heute an vier Wochenenden Komponisten der Moderne samt deren quasi "weltmusikalischen" Einflüssen. "Nur lesen und herumsitzen - das wäre für mich ein zu abruptes Ende meiner Tätigkeit. Ich will das alles langsam ausklingen lassen. Zudem war es im Falle der Biennale umgekehrt: Da gab es schon ein Budget vom Festival Contracom. Das hatte zwar gute Sachen initiiert, war aber nicht so gut angekommen. So hat die Stadt Salzburg neue nachhaltige Projekte gesucht - ich habe mir dann was überlegt."

Die Wurzeln der Moderne

Eine der Überlegungen war, es zu keiner einsamen Sache werden zu lassen: "Ich habe gesagt, ich will das nicht allein machen - nur mit Salzburger Partnern. Inhaltlich dachte ich mir: Man könnte doch einmal versuchen, bekannte Komponisten und jene volksmusikalischen Einflüsse, denen sie unterworfen waren, zusammen auf die Bühne zu bringen." So wird der Schweizer Klaus Huber mit arabischer Musik in Verbindung gebracht, Steve Reich mit balinesischer Gamelanstilistik, der Japaner Toshio Hosokawa mit Klängen seiner Heimat und Beat Furrer mit dem aus maurischen Quellen gespeisten Flamenco.

Letzteres ist nun wirklich eine Überraschung. Furrer, der Komponist filigraner, an der Stille entlangschwebender komplexer Tonnetze, beeinflusst vom Flamenco? "Ich wäre auch nie draufgekommen, aber er hat mir das dargelegt und gesagt: 'Wenn du mir nicht glaubst, hör es dir an!' Es waren tatsächlich Beziehungen rhythmischer Art zu erkennen, auch bei dem spezifischen Gesangsstil. Es ist natürlich nicht der typische Flamenco. Eher eine Urform, die man als Cante jondo bezeichnet."

Es wird jedenfalls so manche seltsame Gegenüberstellung in Salzburg zu erleben sein. Im großen Studio der Uni Salzburg, im großen Saal der Stiftung Mozarteum.

Weitere Partner sind die Internationale Gesellschaft für Neue Musik, das Start-Festival, Aspekte Salzburg und die Szene Salzburg. Im Republic wird es Tanzproduktionen mit Anne Teresa De Keersmaeker geben; außerdem Filmvorführungen und eine nun schon eröffnete Ausstellung in der Galerie Ropac.

Jetzt muss das Ganze nur noch erfolgreich sein. Da kommt bei mir das alte Zittern des Veranstalters hinzu. Wir sollen auf eine Eigendeckung von 50 Prozent kommen, es gibt aber 14.000 Karten. Das ist eine Herausforderung. Die Subventionen betragen zwar 400.000 Euro, ob das wirklich viel ist, wird sich weisen. Alle sind begeistert vom Festival. Aber wenn es darum geht, eine Konzertkarte zu kaufen, ist das leider noch eine völlig andere Sache ..." (Ljubiša Tošić / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.3.2009)

 

  • Biennale-Chef Hans Landesmann.
    foto: biennale

    Biennale-Chef Hans Landesmann.

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