"Rorschach ließ mich zynischer werden"

3. März 2009, 19:25
5 Postings

Jackie Earle Haley im STANDARD-Gespräch

In der illustren Reihe der Watchmen-Helden ist Rorschach die faszinierendste Figur: ein psychotischer Finsterling mit ausgeprägt manichäischem Moralempfinden, der mit unlauteren Mitteln auf der Seite der Guten kämpft. Sein Gesicht hält er hinter einer Maske versteckt, auf der - wie beim dem Test des Schweizer Psychiaters - Tintenkleckse zum Ausdruck für das Unbewusste werden.

Rorschach im Kino zu verkörpern, gleicht aus zweierlei Gründen einem Hasardspiel: Erstens muss man sein Gesicht hinter einer Maske verstecken; zweitens wird die Figur von einer Horde Comic-Geeks wie ein Halbgott verehrt, die Entweihungen entsprechend zu ahnden wissen. "Es ist schon ein wenig bedrohlich, eine Art Trip", erzählt US-Schauspieler Jackie Earl Haley. "Aber zugleich ist es sehr aufregend. Rorschach ist eine Ikone, die sehr geliebt wird - als Schauspieler darf ich aber nicht an die Gefahr des Scheiterns denken, sondern ich muss auf dem Kitzel und auf der Arbeit aufbauen, die diese Rolle mit sich bringt."

Haley verfügt bereits über Erfahrungen mit zerrissenen Figuren - in Todd Fields Drama Little Children spielte er einen Pädophilen, der sich bei seiner Resozialisierung mit dem Argwohn der Gemeinde konfrontiert sieht. Doch Rorschach ging über jede Vorgängerrolle noch hinaus: "Ich konnte ihn nicht in mir finden: Letztlich hat mich Rorschach mehr beeinflusst als ich ihn. Er hat mich zynischer werden lassen. Er hat meine Augen gegenüber dem grauen Morast der Gesellschaft geöffnet: Wie selbstsüchtiges Verhalten, das Opfer verursacht, immer mit dem Zustand der Welt entschuldigt wird. Rorschach putzt sich nicht bei anderen ab."

Was die Maske betrifft, musste Haley einen inneren Kampf ausfechten. Das Problem sei vor allem der Gedanke daran gewesen, auf das wichtigste Ausdrucksinstrument verzichten zu müssen: "Ich sagte mir: Dude, hör auf damit, umarme die Rolle einfach! Das hat dann funktioniert, denn ich habe sie wie jede andere auch im Inneren gefunden." Was die Szenen, in denen die Maske ab ist, umso deutlicher zeigen: Haley spielt mit solchem Ingrimm, dass man wünscht, er würde sie nie wieder aufsetzen.

Haley, 47 Jahre alt, blickt auf eine ungewöhnliche Karriere zurück. In den 70er-Jahren ein Teenie-Star (Bad News Bears) verschwand er fast 15 Jahre von der Bildfläche, bis ihn Steve Zaillian Anfang der 90er für All the King's Men eigens suchen ließ. "Ich hatte Alkoholprobleme, bis heute kaue ich an meinen Fingernägeln. Und es gibt dieses Kind in mir, das Angst davor hat, wohin das alles führt: Wird der Erfolg wieder aufhören?" Es sieht nicht so aus. Demnächst wird Haley auch in Martin Scorseses Shutter Island zu sehen sein. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Printausgabe, 4. 3. 2009) 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Jackie Earl Haley, einmal ohne Maske.

Share if you care.