Intime Blicke am "Hofer-Samstag"

2. März 2009, 18:41
2 Postings

Die Landesgalerie am Landesmuseum zeigt "Der intime Blick" - eine Retrospektive auf den großen französischen Künstler Henri de Toulouse-Lautrec

Linz - Was dem Wiener Museum für angewandte Kunst der Verbund ermöglicht, nennt man in Linz anno Kulturhauptstadtjahr den „Hofer-Samstag". Was beiderorts nicht weniger bedeutet als: „Eintritt frei!". In Linz ermöglicht der Lebensmitteldiscounter „Hofer" ein samstägliches Leben im Verbund mit der Kunst, die im Fall von Toulouse-Lautrec nicht von Aldi kommt, sondern einer, von der Landesgalerie am oberösterreichischen Landesmuseum lange geplanten Kooperation mit dem Musée Toulouse-Lautrec in Albi, zu verdanken ist.

Wegbereiter der Moderne

Im Gegenzug wird Albi eine große Werkschau des Oberösterreichischen Nationalheiligen Alfred Kubin präsentieren, der so - ganz im Gegensatz zu vielen in Linz produktiv ansässigen oder von dort gebürtigen Zeitgenossen - immerhin eine randständige Würdigung im offiziellen Programm erfährt. Die Landesgalerie verweist mit einer kleinen Präsentation zu Kubins Frauenbild immerhin auf die andere, die von der Kulturhauptstadtintendanz nicht berücksichtigte Seite der Region. Und Alfred Kubins Kenntnis des Werks Lautrecs wird nicht eben selbstbewusst als weiteres Argument angeführt, nicht den so naheliegenden Alfred Kubin, sondern den Wegbereiter der Moderne mit den Mitteln des Dekors - Henri de Toulouse-Lautrec - dem zumindest geladenen internationalen Publikum vorzustellen.

Vom offiziellen Linz aus gesehen mag das als eine Geste gelten, den Ruf als internationaler Großausstellungsort zu behaupten. Vom organisierenden Landesmuseum aus betrachtet, könnte man meinen, die Organisation des Landes Oberösterreich wolle mit Lautrec und der Schau Kulturhauptstadt des Führers der Hauptstadt zeigen, wie man festgerechte Quote und internationale Aufmerksamkeit schafft.

„Surrealisten avant la lettre"

Aber egal, vielleicht treffen ja in den folgenden „Normaljahren" der ehemaligen Stahlstadt auch so eminent wichtige Positionen wie diejenige Heimrad Bäckers oder des oberösterreichischen Färbermeisters Aloys Zötl (1803-1887), der mit seinem Bestiarium wohl André Breton, nicht aber Intendant Martin Heller begeistern konnte, kraft Linz auf internationale Beachtung.

Oder erlangt viel eher Linz kraft Zötl, Österreichs einzigem „Surrealisten avant la lettre", und kraft aktuell negierten Zeitgenossen von Siegfried Anzinger über diverse Kulturpreisträger bis hin zu Valie Export ein wenig der erhofften internationalen Aufmerksamkeit. Kubin in Albi ist ein Anfang, Toulouse-Lautrec in der Landesgalerie eine schlicht perfekt inszenierte Schau.

Den „intimen Blick"

Gottfried Hattinger hat mit Licht und Salonfarbe an den Wänden grandios in Szene gesetzt, was die Kuratorin Daniele Devynk vom Musée Lautrec mit Bedacht ausgewählt hat: den „intimen Blick", der den vermutlich in Folge inzestiöser Handlungen seiner Eltern körperlich schwer herausgeforderten und zudem von seinem eigenen Hang zu Rauschmitteln in Verbindung mit latenter Bettflucht so kurzlebigen Meister aus Albi auszeichnet.

Als er am 9.September des Jahres 1901 starb, hatte Henri mit 31 Plakaten das Genre revolutioniert, mit 361 Druckplatten für Lithografien den Weg in die Moderne ausgeschildert und so ganz nebenbei Porträts der Göttinnen des Pariser Nachtlebens angelegt, die - ganz weit weg vom oberflächlichen Formwillen der Salons - bis heute schlicht die Wahrheit über Glanz und Elend der Damen Aristide Bruant, Jane Avril, Yvette Guilbert oder Loie Fuller erzählen.

Brüchigkeit

Die mit wenigen Strichen festgehaltene Dynamik der Tänzerinnen steht für Lautrec selbstverständlich neben dem hohlen, starren Blick der ausgemergelten anonymen Nutte. Im Nachtleben von Paris fand der begüterte Landadelige Lautrec endlich die Entsprechung zu seiner eigenen Brüchigkeit, hier fand er sich hinter all den erlernten und in Dutzenden frühen Werken eingeübten akademischen Posen. Und: Immerhin ist es exakt 100 Jahre her, dass Lautrecs Werk erstmal in Österreich gezeigt wurde. In Wien, aber das macht nichts, Linz versteht sich noch bis Jahresende als die Welt und begreift sich also zuständig. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Printausgabe, 3.3.2009)

Bis 7. Juni

 

 

  • Schöne
der Nacht: Henri de Toulouse-Lautrecs „Yvette Guilbert" aus dem Jahr
1895 (Keramik, 51 x 28 cm).
    foto: musée toulouse-lautrec
    Foto: Musée Toulouse-Lautrec

    Schöne der Nacht: Henri de Toulouse-Lautrecs „Yvette Guilbert" aus dem Jahr 1895 (Keramik, 51 x 28 cm).

Share if you care.