AHS-Lehrer stellen immer öfter ihre Schüler bloß

2. März 2009, 17:22
252 Postings

Jeder vierte Schüler kennt sich im Unterricht nicht aus - Stress und Gewalt sind gestiegen - Aggressions-Opfer greifen verstärkt zu Alkohol

Wien  - Zur Pisa-Studie 2006 wurden heute Detailauswertungen präsentiert. Darin zeigt sich, dass die Belastungen von Jugendlichen durch die Schule sind zwischen den beiden PISA-Studien 2003 und 2006 tendenziell gestiegen. So fühlten sich 2003 39 Prozent der 15- bis 16-Jährigen durch den Umgang mit Lehrern "temporär" oder "chronisch belastet", 2006 waren es bereits 43 Prozent. Speziell an den AHS dürfte der Ton rauer werden: dort hat sich der Schüleranteil, der sich durch den Umgang mit Lehrern temporär oder chronisch belastet fühlt, von 36 Prozent auf 50 Prozent erhöht. Vor allem beim Stressfaktor "Lehrer machte mich vor der Klasse lächerlich" finde man starke Zuwächse, was darauf hindeute, "dass in den AHS immer mehr Praktiken der Bloßstellung Einzug halten", heißt es in dem Montag Abend präsentierten Expertenbericht zur PISA-Studie 2006.

Hohe Leistungsanforderungen

Zum Stress mit den Lehrern gesellt sich an den AHS auch eine hohe Belastung durch die Leistungsanforderungen: 87 Prozent der AHS-Schüler fühlen sich dadurch temporär oder chronisch belastet, mehr als an den berufsbildenden höheren Schulen (85 Prozent). Die Bildungsexperten sprechen von einem "bemerkenswert hohem Belastungsausmaß der AHS-Schüler".

Stress und Gewalt

Stress können aber auch schulische Gewalt- und Aggressionserfahrungen machen - und auch diese gibt es an den österreichischen Schulen häufig. Einen Vergleich mit PISA 2003 gibt es dafür aber nicht. Jeder zwölfte Schüler (acht Prozent) gab bei PISA 2006 an, in den vergangenen sechs Wochen von Mitschülern "geschlagen oder verletzt" (Gewalt) worden zu sein, jeder zehnte Schüler (elf Prozent) wurde "unterdrückt oder gequält" (Aggression). Fünf Prozent der Schüler waren von beiden Formen betroffen. Burschen sind dabei deutlich häufiger Opfer von Gewalt (13 Prozent) oder Aggression (16 Prozent) als Mädchen (drei bzw. sieben Prozent). Österreicher sind öfter von Gewalt (9 Prozent) betroffen als Migranten (vier), bei der Aggression gibt es zwischen den beiden Gruppen keinen Unterschied (elf Prozent).

Mehr Gewalt an Polytechnischen Schulen

Erhebliche Unterschiede bestehen zwischen den Schulsparten: Während an den AHS nur fünf Prozent Opfer von Gewalt und acht Prozent Opfer von Aggression waren, sind es an Polytechnischen Schulen zwölf bzw. 22 Prozent. Wenig verwunderlich ist, dass Gewalt-Opfer deutlich geringere Freude an der Schule haben als Nichtopfer: 55 Prozent der Gewalt- oder Aggressions-Opfer gehen ungern oder sehr ungern in die Schule. Zudem neigen Gewaltopfer deutlich stärker zu Beschwerden wie Ängstlichkeit oder Depression. Besorgniserregend erscheint auch der hohe Alkoholkonsum von Gewaltopfern: Sie hatten in den vergangenen sechs Wochen knapp 800 Milliliter reinen Alkohol (25 Milliliter entsprechen einem halben Liter Bier) getrunken, im Gegensatz zu Aggressions-Opfern mit etwas mehr als 400 Milliliter und Nicht-Opfern mit rund 300 Millilitern.

Unterrichtsqualität

Bei der Einschätzung der Unterrichtsqualität durch die Schüler gibt es bereits einen längeren Vergleichszeitraum bis zur PISA-Studie aus dem Jahr 2000. Nahezu unverändert kennt sich mehr als jeder vierte Schüler (2000: 29 Prozent; 2006: 27 Prozent) im Unterricht nicht aus. Etwa gleich viele Schüler (2000: 29 Prozent; 2006: 24 Prozent) finden nicht, dass der Unterricht viel für ihr Leben bringt.

Dennoch gehen zwei von drei Schülern (65 Prozent) "gern" oder "sehr gern" in die Schule (2000: 61 Prozent). Und 74 Prozent der Jugendlichen gefällt es "sehr gut" oder "gut" in der Schule (2000: 71 Prozent).

Schmied will mehr Autonomie

Als Gegenmaßnahme für die Erkenntnisse der PISA-Auswertung empfehlen die Experten eine spätere Selektion, wodurch Chancengerechtigkeit - auch für Migranten - gefördert würde. Weitere "mögliche Ansatzpunkte": Verstärkung von individueller Förderung durch den Lehrer und der Autonomie der Schulen. Schmied sieht darin eine Bestätigung der "Neuen Mittelschule", diese sei "der Weg zu besseren Leistungen und mehr sozialer Gerechtigkeit". Durch das verpflichtende Kindergartenjahr, mehr Kleingruppenunterricht, kleinere Klassen in der Volksschule mehr Tagesbetreuung sollen "Defizite aus schwierigen sozialen Verhältnissen" möglichst früh ausgeglichen werden.

Das BIFIE empfiehlt in seinem Bericht die Verpflichtung zum mehrjährigen Kindergartenbesuch, Einführung der Gesamtschule, Ausbau von Ganztagsschulen und mehr Ressourcen für Deutsch als Zweitsprache.

Angesichts der im PISA-Expertenbericht erneut konstatierten Probleme im österreichischen Schulwesen plädierte Schmied dafür, den "offensiven bildungspolitischen Kurs weiterzufahren", Projekte wie kleinere Klassen müssten trotz des geringer als erhofft ausgefallenen Bildungsbudgets weitergeführt werden. Daher sei es gerechtfertigt, wenn die Lehrer "weniger Zeit mit administrativen Tätigkeiten und mehr Zeit bei den Kindern verbringen", betonte Schmied. "Es dürfe "kein Projekt aus Angst vor reformresistenten Standesvertretern gestoppt werden", so Schmied. (APA)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Speziell an den AHS dürfte der Ton rauer werden: Dort hat sich der Schüleranteil, der sich durch den Umgang mit Lehrern temporär oder chronisch belastet fühlt, von 36 Prozent auf 50 Prozent erhöht.

Share if you care.